Rezension: Midnight Horizon von Daniel José Older ist der stärkste Roman der Welle

Mit Midnight Horizon erscheint am 1. Februar der finale Roman der dritten Welle aus der Hohen Republik, womit Phase 1, Light of the Jedi, zumindest in Buchform abgeschlossen wird. Einen Monat nach The Fallen Star und Mission to Disaster liefert uns Autor Daniel José Older mit Midnight Horizon nun also den Young Adult-Roman der Welle und stellt darin Reath Silas und Cohmac Vitus, aber auch einige seiner Hauptcharaktere aus den The High Republic Adventures von IDW in den Vordergrund, während er ebenfalls ein paar neue Figuren ins Spiel bringt. Warum ihm dies nach einer kurzen Eingewöhnungsphase gelingt, und wieso Midnight Horizon der beste Roman der Welle sein könnte, erfahrt ihr in der heutigen Rezension.

Die Handlung von Midnight Horizon spielt etwa zeitgleich mit The Fallen Star, wobei es kurz vor jenem Roman startet und auch einige Augenblicke darüber hinausgeht. Deswegen solltet ihr den Young Adult-Roman idealerweise als letztes lesen, vor allem wenn ihr lieber noch so wenig wie möglich über das Schicksal von Starlight Beacon erfahren möchtet. Wichtig ist auch dies: der Roman greift Geschehnisse aus der The High Republic Adventures-Serie auf und überlappt teilweise sogar mit dieser Handlung. Solltet ihr euch diese Reihe nicht spoilern wollen, ist zu empfehlen, erst die IDW-Comics bis Heft #12 aufzuholen und dann in den Roman zu starten.
Inhaltlich geht es in Midnight Horizon um Jedi-Meister Cohmac Vitus und Kantam Sy sowie die Padawane Reath Silas und Ram Jomaram, die in Folge einer Nachricht über einen mutmaßlichen Nihil-Angriff auf der Kernwelt Corellia auf den Planeten entsandt werden, um die Lage dort genauer zu untersuchen. Dabei begegnen die Padawane der Sicherheitsspezialistin Crash, die kurz zuvor ihren Freund durch jenen Angriff verlor, und infiltrieren gemeinsam mit ihr und der Hilfe von Zeen Mrala das Nachtleben der Stadt. Doch nach Monaten des Kämpfens und der Abenteuer sind die jugendlichen Jedi und auch deren Lehrende angeschlagen und kämpfen mit ihren Erinnerungen und Gefühlen. Und die vermeintliche Nihil-Attacke entpuppt sich als größer als die Jedi und Crash je erwartet hätten… 

Charmante Charaktere

„They spoke of suppressing emotions, of forsaking love, burying any discomfort until it was a mere whisper. But emotions couldn’t be mastered.“

In seinem ersten Young Adult-Roman in der Hohen Republik liefert Daniel José Older genau das, was das Buchgenre auszeichnet – Charakterfokus und große Gefühle. Dabei hat er hier die nicht ganz leichte Aufgabe, als Protagonisten vor allem zwei Jedi aufzugreifen, die zuvor von zwei verschiedenen Autorinnen geschrieben wurden, und dabei den Zügen dieser Charaktere und deren bisherigen Entwicklungen treu bleiben zu müssen. Mit Reath Silas und Cohmac Vitus, zuerst in Into the Dark von Claudia Gray vorgestellt und in Out of the Shadows von Justina Ireland weiterentwickelt, gelingt Older genau dies. Der stille Padawan, der ratlos auf der Suche nach seinem Weg ist, und sein innerlich brodelnder Lehrer durchlaufen in Midnight Horizon eine überaus spannende Entwicklung, die so subtil voranschritt, dass sie mich gegen Ende des Buches stark überraschen konnte, ohne dass die Wendung unglaubwürdig schien. Ein wenig verwirrt hat mich, dass die beiden Jedi im Roman allerdings kaum Zeit miteinander verbringen. Dies lässt sich zwar aufgrund der Inhaltsangabe schon vermuten, das Cover hat mich dennoch auf mehr gemeinsame Zeit mit dem Meister-Schüler-Duo hoffen lassen. Anstatt also erneut Cohmac und Reath zu zweit auf Mission zu schicken, rüttelt Daniel José Older die Dynamiken zwischen den Charakteren auf und paart stattdessen Reath mit dem Padawan Ram Jomaram, der nach Valo zunächst Starlight sein zu Hause nennt, während Cohmac mit Meister*in Kantam Sy unterwegs ist. So sehr ich mir also mehr Momente zwischen Cohmac und Reath gewünscht hätte, so interessant ist in diesem Roman aber auch die typische Young Adult-Trennung zwischen den Jugendlichen und Erwachsenen. Diese weiß Older nämlich geschickt in Szene zu setzen, was für einige lustige Momente sorgt.

Die Beziehung zwischen Ram und Reath steht im Roman besonders im Vordergrund, wobei Reath die Rolle des älteren Bruders für Ram übernimmt, aber jedoch genauso von seinem jüngeren Freund lernen kann. Zunächst hat mich diese Paarung etwas aus der Bahn geworfen, da der Roman gerade zu Beginn etwas zu beschwingt wirkte. Reath passt wunderbar in die Young-Adult-Kategorie, doch durch Ram entstehen meiner Meinung nach am Anfang der Geschichte ein paar zu viele irrwitzige Momente. In Anbetracht dessen, dass The Fallen Star jedoch so ziemlich das genaue Gegenstück dazu war, mache ich aber gerne ein Auge zu und freue mich, dass den Charakteren auch ein wenig Spaß gegönnt wird. Außerdem haben beide Jedi einige großartige Heldenmomente und durchlaufen eine nachvollziehbare innerliche Entwicklung, die einen nicht nur beim Lesen bewegt, sondern auch darüber hinaus weiterhin zum Nachdenken anregt, sodass man die Kombi aus den beiden nur liebgewinnen kann.

Auch über Kantam Sy habe ich mich gefreut, allein schon aufgrund der Repräsentation einer nicht-binären Person. Zu xiem hat man bisher nicht sehr viel erfahren, doch dies ändert sich in Midnight Horizon drastisch und sehr zu meiner Begeisterung! Kantam ist eine extrem spannende Figur mit einer interessanten Geschichte im Jedi-Orden, die wir so bisher noch nicht erlebt haben. Als Schüler*in des verschwundenen Yoda und separiert von Schülerin Lula entsteht für Kantam ebenfalls ein großer innerer Konflikt, den es inmitten des Tumults zu überwinden gilt.

Weitere Charaktere aus den Adventures-Comics und Olders Race to Crashpoint Tower und außerdem weitere Kandidatinnen für subtil ausgearbeitete queere Repräsentation sind Lula Talisola und Zeen Mrala, die vor allem mit ihren Gefühlen füreinander zu kämpfen haben. Nach einer bewegenden Szene, die kurz nach der Comic-Handlung spielt und bei der mir (wenig überraschend) Tränen in die Augen gestiegen sind, trennen sich die Wege der beiden dann und Zeen interagiert fortan vor allem mit Ram und Reath, in deren Dynamik sie gut hineinpasst, während Lula in den Hintergrund tritt.

Neue Charaktere gibt es natürlich ebenfalls und auch hier wurde an Repräsentation nicht gespart! Sicherheitsspezialistin Alys „Crash“ Ongwa, die auf Olders Autor*innen-Freund*in Alyssa Wong (Autor*in der aktuellen Aphra-Comicserie) basiert ist, ist ein Charakter, mit dem ich erst einige Kapitel lang warm werden musste. Dies liegt vor allem daran, dass Crash stets von einem großen Team (bestehend aus Mitgliedern verschiedenster Spezies mit teils sehr skurrilen Namen) umgeben ist, sodass ich beim Lesen das Adventures Annual, in dem die meisten davon kurz vorgestellt wurden, neben mich legen musste, um nicht ständig den Überblick zu verlieren. Doch wie auch die Charaktere des Romans schnell feststellen – mit Crash freundet man sich umgehend an, und sobald man eine emotionale Bindung zu ihr aufgebaut hat, machen auch ihre Kapitel großen Spaß und bieten eine spannende Nicht-Jedi-Perspektive, die durch ihren besonderen Status als Chefin einer Sicherheitsfirma auch interessante Blickwinkel auf das Leben und die Elite Corellias erlaubt.

Heldenhafte Handlung

Die Handlung von Midnight Horizon greift zunächst in verschiedenen Strängen Crash und ihr Team, das Padawan-Team auf der Jagd nach Krix, und den Roadtrip durchs All der übrigen Charaktere auf. All diese Stränge laufen im Verlauf der Geschichte nahtlos ineinander über, sodass wir zwar die Perspektiven vieler Protagonisten sehen, durch das überschaubare Ensemble aber nicht den Überblick über die Handlung verlieren und den Geschehnissen auf Corellia gut folgen können. Gut gefallen hat mir vor allem ein Aspekt, den The Fallen Star nur spärlich liefern konnte: eine Perspektive von außen. Während auf Corellia seltsame Machenschaften vor sich gehen, sind die Jedi am anderen Ende der Galaxis mit dem Fall von Starlight Beacon beschäftigt. Und auch wenn wir keine direkten Einblicke darein bekommen, was dort vor sich geht, so erleben wir die Reaktionen der Jedi auf die Katastrophe und bekommen außerdem mit, dass auch die Bevölkerung von den Ereignissen schockiert ist.

The High Republic: Midnight Horizon (Walmart Exclusive Edition) (01.02.2022)
The High Republic: Midnight Horizon (Walmart Exclusive Edition) (01.02.2022)

Older gelingt es generell ziemlich gut, die lebendige, aufgeweckte Kernwelt Corellia und das pulsierende Nachtleben der Hauptstadt Coronet City einzufangen. Die Stadt fühlt sich real an, und wir bekommen nicht nur einen Einblick in die Elite, sondern auch in die Unterwelt und einige öffentliche Schauplätze. Ebenfalls gut gefallen hat mir, dass vor detailreichen Beschreibungen auch bei blutigen Szenen und im Kampf nicht zurückgeschreckt wurde. So grauenhaft das Gemetzel auch sein mag, so gut konnte man sich die Action und deren traumatisierende Folgen hineinversetzen. Durch den angenehmen Schreibstil des Autors wird außerdem stets eine ergreifende Atmosphäre erschaffen, sei es eine emotional bewegende, desorientiert verlorene, actionreich aufgeladene oder verrucht düstere. Viele Verknüpfungen zu den Geschehnissen vorheriger Werke der Phase, Hinweise auf die Vergangenheit – welche sicherlich noch eine Rolle spielen werden – und genügend offene Fragen runden die Handlung des Romans ab.

Auch ein paar Rückblicke in die Vergangenheit eines Charakters sind vorhanden. Diese ergeben zunächst natürlich für dessen Reise Sinn, führen am Ende aber zudem noch zu einem viel größeren Aha-Moment, der die Szenen in ein ganz neues Licht rückt. So schafft es Midnight Horizon, einen mehrmals zu überraschen, wobei die Handlung zu einem meiner Meinung nach sehr zufriedenstellenden Ende führt, das neue Wege für die Charaktere eröffnet und für die Zukunft noch genügend offenlässt, für den Übergang in eine 150 Jahre früher spielende Phase 2 insgesamt aber einen runden Abschluss bildet. In diesem Roman zeigt Older vor allem auch, dass es nicht immer eine Vielzahl an Toden braucht, um emotionale Fallhöhe für die Charaktere zu erschaffen, und dass die Tumulte im Inneren sowie ein gut inszenierter, actionreicher Kampf dafür voll und ganz ausreichen können.

Anzumerken habe ich dennoch einige Kleinigkeiten, die dem Roman nicht wirklich Abbruch tun, welche ich aber trotzdem erwähnen möchte. Einerseits spiegeln einige Kapitel in den ersten Teilen des fünfgeteilten Romans die Handlung aus dem Comic The High Republic Adventures #12 wider. Mich hat dies eher gefreut als gestört, dennoch entsteht dadurch natürlich eine Dopplung, die Comiclesern auffallen wird. Wer die IDW-Comics hierzulande nicht erhalten kann, nimmt sich somit außerdem einen großen Teil der Handlung daraus vorweg.
An den Schreibstil musste ich mich in den ersten Kapiteln erst gewöhnen, da diese relativ jugendlich und humorvoll geschrieben waren und der Autor auch Laute wie „haha“ ausgeschrieben hat. Dies war mir zunächst etwas befremdlich, man gewöhnt sich aber schnell daran. Nachdem es mir an ein paar Stellen etwas zu schnell ging, wenn Charaktere Entschlüsse fassen, wandelt sich das Ganze, sobald der Roman emotional richtig in die Tiefe geht, und dann lässt Olders Schreibstil einen nicht mehr los und man wird mit der richtigen Mischung aus Spannung und Gefühl von der Geschichte mitgerissen und begeistert.

Bewegende Botschaften

„To have to do it again does not mean we have failed, only that we must do it again. And again.“

Jedi-Meister Yoda in einer Rückblende

Aufgrund der parallel vonstattengehenden Geschehnisse auf Starlight Beacon war eigentlich von Anfang an klar, dass Midnight Horizon ein emotionales Buch werden würde. Dennoch hat es mich überrascht, wie viel Tiefe gerade dem jüngsten Mitglied der Partie, Ram, und den erwachsenen Jedi gegeben wird. So ist es Rams größte Aufgabe, Gleichgewicht zwischen seinen Emotionen zu finden. Einmal spürt er gar nichts, an anderer Stelle gefährlich viel, und er muss lernen, beide Seiten zuzulassen, dabei jedoch keine der beiden Überhand gewinnen zu lassen.

Auch Reaths innere Reise hat mich bewegen können, ihm geht es vor allem darum, seinen Weg für die Zukunft zu finden – Kernkonflikt des Young Adult-Genres. Und obwohl diese Art von Konflikt schon so oft aufgegriffen wurde, ist Reaths Frustration und Ratlosigkeit spürbar, seine Verwirrung nahbar und die Lösung seines Problems so simpel und doch so augenöffnend, dass sie zu einer meiner liebsten aus diesem Roman geworden ist.

Auch darüber hinaus stellt Midnight Horizon überaus spannende Fragen, denen in der Gedankenwelt mehrerer Charaktere Raum gegeben wird. So geht es beispielsweise darum, was genau es bedeutet, etwas an die erste Stelle zu stellen, was dieses etwas sein sollte und ob die bloßen Verpflichtungen des Jedi-Ordens nicht schon genügend Opfer dafür liefern. Generell ist der Verbleib im Orden ein großes Thema. Darüber habe ich mich besonders gefreut, da diese Diskussion in der Ära bisher noch nicht häufig aufgekommen ist und mich schon seit einiger Zeit brennend interessiert. Auch spannend finde ich, wie auf subtile Art und Weise aufgegriffen wird, dass besonders die jungen Jedi wenig Plan vom Leben außerhalb des Ordens haben und mit einfachen Dingen aus dem Alltagsleben eines „normalen“ Wesens wie etwa Arbeit, Bezahlung und Geld ganz schön überfordert sind. Diese Szenen haben die dichte Handlung immer wieder etwas aufgelockert und für Leichtigkeit gesorgt.

Eines der wichtigsten Themen, das Midnight Horizon anspricht ist jedoch eines, das für die gesamte Phase und auch für die Zukunft der Jedi definierend sein könnte: wenn jede friedliche Lösungsidee fehlgeschlagen ist und der Feind ohne Rücksicht und Reue weiterhin Zerstörung anrichtet, kann man dann noch auf die bewährten Methoden zurückgreifen? Oder kommt irgendwann der Punkt, an dem selbst ein Jedi sich auf das kriegerische Niveau der Gegner begeben und mit Gewalt und Rücksichtslosigkeit voranschreiten muss? Der Roman liefert auf diese Frage eine Antwort, und Daniel José Older schafft es, all diese schwierigen Themen in bewegende Botschaften umzuwandeln, ohne jemals belehrend zu wirken, sondern jedem genau das anzubieten, was er für sich selber daraus mitnehmen möchte.

Fazit

Midnight Horizon von Daniel José Older hat alles, was man sich von einem Star Wars-Roman wünscht. Nachdem man erst einige Kapitel benötigt, um sich in den Humor und die Gedanken der Charaktere einzufinden, kann der Roman, sobald die Handlung Fahrt aufnimmt, auf ganzer Strecke überzeugen. Neben wunderbar ausgearbeiteten Charakteren dürfen wir ein lebendiges Corellia erkunden, durch den Hyperraum reisen, das Nachtleben der Elite ausspionieren, Liebesgeständnisse miterleben, durch toxisches Gas taumeln, Starlight fallen sehen und eine emotionale Reise in die Vergangenheit unternehmen. Themen wie der Verlust von Freunden, das Finden seines Platzes in der Welt, das Gleichgewicht der eigenen Gefühle und das Verlassen von Geliebten geben dem Young Adult-Roman eine ergreifende Tiefe, die von humorvollen Momenten beflügelt und durch großartige Repräsentation von queeren Charakteren nur noch weiter unterstützt wird. Dadurch wird Midnight Horizon für mich insgesamt zum besten Roman dieser Welle. Am Ende bleibt mir nur noch zu sagen, dass mich die Geschichte, deren Botschaften mich noch einige Zeit beschäftigen werden, mit einem Lächeln zurücklässt und mir nur noch zu hoffen bleibt, dass Daniel José Older in der Zukunft noch viele weitere Young Adult-Romane für die Hohe Republik verfassen darf.

Wir danken Disney-Lucasfilm Press für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Freut ihr euch schon auf den finalen Roman der Phase? Was erwartet ihr von diesem? Und falls ihr ihn schon gelesen habt, wie hat er euch gefallen? Lasst es uns gerne wissen!

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