Ines‘ Rezension: The High Republic: The Rising Storm von Cavan Scott

Mit Light of the Jedi von Charles Soule öffnete sich Anfang des Jahres die große Bühne von The High Republic und schürte ebenso große Erwartungen bei den lesenden Star Wars-Fans. Heute ist es nun endlich soweit: Der zweite Erwachsenenroman aus der Ära der Hohen Republik ist da. The Rising Storm von Cavan Scott, erschienen bei Del Rey UK, setzt ein Jahr nach Light of the Jedi an, wo sich der Konflikt zwischen Republik und Nihil weiter fortsetzt.

Nach dem Schrecken der Großen Hyperraumkatastrophe ist Kanzlerin Lina Soh trotzdem weiterhin davon überzeugt, dass die Republik expandieren und Allianzen mit den Völkern an ihren Grenzen schmieden soll. Um dieses Vorhaben der Völkerverständigung weiter zu fördern, findet auf dem Planeten Valo der Republic Fair (etwa: Jahrmarkt / Messe der Republik) statt. Dort präsentieren sich die Republik und ihre Planeten und Organisationen mit all ihren technischen und kulturellen Errungenschaften. Doch natürlich haben auch die Nihil von dem Großereignis Wind bekommen und planen einen Angriff auf den Fair, um möglichst großen Schaden anzurichten und der Republik ein für alle Mal zu beweisen, dass sie, trotz Schutz durch die Jedi, nirgends sicher sind…

Highlight des Romans: Der Republic Fair

Um gleich mit dem Highlight des Romans zu beginnen: Der Republic Fair ist spektakulär! Ich kann mich nicht daran erinnern, schon jemals von einem so gut ausgearbeiteten fiktionalen Event gelesen zu haben. Wow! Die ganze Veranstaltung ist bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, sodass man sich genau vorstellen kann, wie man bei exzellentem Wetter am Eröffnungstag über das Gelände schlendert und überlegt, ob man sich zuerst den Bereich „Wissenschaft und Technik“ oder „Kunst und Kultur“ ansehen will. Ähnlich wie bei einer Weltausstellung kann man diverse Pavillons betreten, beispielsweise im Starlight-Pavillon der Jedi eine beeindruckende riesige 3D-Projektion des Starlight Beacon bestaunen, alte Artefakte betrachten oder seinen Kindern von Meister Torban Buck Geschichten erzählen lassen. Im Bereich der Technik kann man einen experimentellen Walker betrachten oder durch ein brandneues Forschungsschiff der Republik, die Innovator, wandern – wenn man denn die lange Schlange vor dem Schiff in Kauf nimmt. Höhepunkt sind die 42 über einem See schwebenden Inseln, von Repulsoren angehoben, die jeweils die Landschaft eines bedeutenden Planeten der Republik nachahmen – komplett mit Pflanzen und Tieren. Es ist unglaublich, was die Republik hier an Pracht und Aufwand betreibt. Allein davon zu lesen, macht wahnsinnig Spaß und zeigt wieder einmal, wie viel Kleinstarbeit und wie viel Herzblut die Autorinnen und Autoren von The High Republic in ihr Projekt stecken. Was Disney mit Batuu und Galaxy’s Edge trotz krampfhafter, missglückter Werbung in diversen Romanen nicht geschafft hat (nämlich mich davon zu überzeugen, dass ich dort hin will), schafft Cavan Scott hier mühelos: Ich will diesen Republic Fair besuchen! Wenn der Republic Fair statt Batuu in Disneyland aufgebaut wäre, wäre ich übermorgen dort.

Bekannte Figuren weiterentwickelt

Anlässlich des Republic Fairs treffen wir auch einige Hauptfiguren wieder, die wir bereits aus Light of the Jedi kennen: Padawan Bell Zettifar, der immer noch um seinen verschwundenen und tot geglaubten Meister trauert, ist nun einer neuen Meisterin, Indeera Stokes, zugeteilt worden. Der von düsteren Visionen geplagte Elzar Mann ist mittlerweile zum Marshal von Valo ernannt geworden. Diese Figuren, die Cavan Scott von Charles Soule geerbt hat, übernimmt er mühelos und ohne dass ein Bruch zu erkennen wäre. Sowohl Bell als auch Elzar sind genau so, wie wir sie aus dem Vorgängerroman kennen bzw. wie es der Entwicklung, die sie durchgemacht haben, angemessen ist.

Bell dürfen wir dabei begleiten, wie er sich von seiner Trauer Schritt für Schritt befreit, dadurch stärker und selbstbewusster und immer selbstständiger wird, auch wenn er ohne die Anleitung eines Meisters agiert. Vor allem aber Elzar Mann, der in Light of the Jedi noch etwas im Schatten von Avar Kriss stand (die dieses Mal abwesend und auf Drengir-Jagd ist – siehe Marvel-Comics), entwickelt sich hier zum spannendsten und nachvollziehbarsten Jedi der Hohen Republik. Während andere Jedi teils überlebensgroß sind, kämpft Elzar mit sehr menschlichen Problemen. Er zweifelt an sich selbst, glaubt nicht so recht daran, dass er für den Job als Marshal bereit ist, und sehnt sich außerdem nach zwischenmenschlicher Nähe. Viel zu gern flirtet er mit der Chef-Organisatorin des Fairs und auch seine Jugendliebe Avar Kriss kann er nicht aus seinen Gedanken verbannen. Elzar ist fehlbar, macht in diesem Roman auch große Fehler, ohne aber sich deshalb aufzugeben. All das macht ihn zu einer höchst sympathischen Figur, mit der ich über den ganzen Roman mitgefühlt und mitgelitten habe.

Die Neuen im Team: Stellan Gios und Ty Yorrick

In den Vordergrund tritt dieses Mal ein bisher oft genannter, aber noch nicht in Erscheinung getretener Jedi: Stellan Gios, frischgebackenes Ratsmitglied und der ehemalige Meister von Vernestra Rwoh. Dank seines guten Aussehens ist Gios eher unfreiwillig zum Gesicht der Jedi in den Medien avanciert und ist ständig den Blicken den Holo-Kameras ausgesetzt. Bei seinem starken und pflichtbewussten Auftreten versteht man sofort, warum er in den Jedi-Rat aufgenommen wurde und warum unter seiner Anleitung eine so kompetente junge Jedi wie Vernestra Rwoh heranwachsen konnte. Seine ernsthafte Maske fällt jedoch, sobald er mit seinem Jugendfreund Elzar Mann zusammen ist, welcher ihn mit flapsigen Kommentaren aus der Deckung lockt. Gerade deshalb haben die Dialoge zwischen den beiden großen Unterhaltungswert.

Neu im großen Figuren-Ensemble der Hohen Republik ist Ty Yorrick, eine Ex-Jedi, die sich nun gegen Bezahlung für Bodyguard- oder Monsterbekämpfungs-Jobs anheuern lässt. Sie ist in ihrer Funktion als Personenschützerin einer Erfinderin auf der Republic Fair und trifft dort, obwohl sie es gerne vermieden hätte, auf die Jedi zu treffen. Daraus ergibt sich vor allem mit Elzar Mann eine engere Zusammenarbeit, wobei sich herausstellt, dass die beiden ein echt klasse Duo sind, von dem wir hoffentlich in kommenden Werken noch mehr sehen werden. Tys Jedi-Vergangenheit belässt Scott bewusst mysteriös und beschränkt sich auf einige interessante Andeutungen, sodass wir hier noch etwas haben, auf dessen Auflösung wir uns in kommenden Werken freuen dürfen.

Politik im Fokus

Noch stärker als in Light of the Jedi rückt in The Rising Storm nun auch die Politik in den Fokus. Davon profitiert vor allem die Figur Lina Soh, welche in dem Roman stark an Profil gewinnt. Sie muss sich nun aktiv mit politischen Gegnern auseinandersetzen, die ihren Republic Fair als Geldverschwendung kritisieren und die Credits angesichts der Bedrohung durch Nihil und Drengir lieber in die Verteidigung gesteckt hätten. Diese durchaus legitime Kritik wird vor allem durch Senator Tia Toon vorgetragen – eine für Star Wars sehr ungewöhnliche Politiker-Figur, die mich positiv überrascht hat. Außerdem erleben wir Diplomatie in Aktion, denn zur Eröffnung des Republic Fairs erscheint auch Regasa Yovet, die Königin der Togruta, als Ehrengast. Sie soll selbstverständlich davon überzeugt werden, dass die Republik eine verlässliche Partnerin ist, mit der sich ein Bündnis lohnt. Als der Nihil-Angriff diese diplomatischen Anbahnungen gefährdet, zeigt sich, wie souverän Lina Soh auf eine solche plötzliche Krise reagiert, die dieses Mal auch ihr eigenes Leben, das ihrer Gäste und auch das ihres Sohnes bedroht.

Intrigen bei den Nihil

Auch auf Seiten der Nihil geht es ordentlich zur Sache. Hatte Marchion Ro in Light of the Jedi noch seine Position als Anführer der Nihil halbwegs gesichert, fällt ihm jetzt mit Pan Eyta der nächste Tempest Runner in den Rücken. Und auch Lourna Dee intrigiert geschickt im Hintergrund, ohne offene Opposition gegenüber Marchion zu zeigen. Dieser bereitet derweil seinen lang geplanten Schlag gegen die Jedi vor, welcher am Ende des Romans zu einer schockierenden Wendung führt, die einen mit offenem Mund und vielen Fragen zurücklässt. Ich zumindest kann es kaum erwarten, den nächsten Roman in die Finger zu bekommen und endlich die Antwort auf die Frage zu bekommen, die im Zentrum aller Planungen zu The High Republic stand: What scares a Jedi?

Querverbindungen zu anderen Werken

Unglaublich gut funktioniert auch wieder einmal das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Büchern und Comics zu The High Republic. Immer wieder schauen Figuren aus anderen Werken in The Rising Storm vorbei, beispielsweise Vernestra und Imri aus A Test of Courage oder auch die Padawane aus The High Republic Adventures. Diese übernehmen zwar keine tragenden Rollen, aber es ist immer wieder schön zu wissen, dass diese Figuren weiterhin ihr Leben führen und nicht irgendwo in der Ecke stehen und Staub ansetzen, bis wieder ein Autor sie für die nächste Geschichte „rausholt“. Auch mit dem ebenfalls heute erscheinenden Jugendroman Race to Crashpoint Tower, der parallel zu The Rising Storm ebenfalls auf dem Republic Fair spielt, gibt es in einer Szene ein schönes Crossover, in dem der Protagonist des Jugendromans, Ram Jomaram, einen Gastauftritt hat. Diese Verknüpfungen sorgen einerseits dafür, dass Leser aller Werke immer wieder mit Aha-Effekten belohnt werden, andererseits aber auch dafür, dass die, die nicht alles lesen, immer wieder kleine Informationshappen dazu bekommen, was in den anderen Geschichten passiert.

Light of the Jedi vs. The Rising Storm

Wenn man nun die beiden Erwachsenenromane des Projekts The High Republic vergleicht, muss man sagen, dass beide Roman richtig stark sind und viel Spaß machen. Dennoch gewinnt meiner Meinung nach Charles Soules Eröffnungsroman die Gegenüberstellung. Erstens kommt Scott leider nicht an Soules krasses Talent heran, selbst Nebenfiguren innerhalb weniger Sätze so plastisch zu machen, dass sie einem im Gedächtnis bleiben. Im Gegensatz zu Soules tollen Ein-Kapitel-Figuren, an die ich mich heute teils noch erinnere, fallen die Nebenfiguren in The Rising Storm ab. Die meisten Zivilisten, die während des Nihil-Angriffs gerettet werden müssen, bleiben beispielsweise sehr blass, obwohl sie uns über Kapitel hinweg begleiten. Da hätte Soule mehr rausgeholt. Zweitens haben beide Romane eine große Action-Sequenz, bei der viele Leben auf dem Spiel stehen. Allerdings bot die Große Hyperraum-Katastrophe mehr Potential für moralische Dilemmata, mit denen die Action-Szenen angereichert wurden: Soll das außer Kontrolle geratene Schiffsteil, das einen Planeten bedroht, abgeschossen werden, obwohl sich darin Wesen befinden? Sollen die Hyperraum-Routen geschlossen werden, um mehr Unglücke zu verhindern, oder geöffnet werden, um die Versorgung und den Handel nicht zu beeinträchtigen? – Hier bietet der Angriff auf den Republic Fair weniger Möglichkeiten. Es wird gerannt, Leute gerettet, Nihil bekämpft, Lichtschwert geschwungen und Vector geflogen und dabei ist meist eindeutig klar, was nun das Richtige ist, das in dieser Situation getan werden muss. Dadurch wirken die vielen aufeinander folgenden reinen Action-Szenen, z.B. immer wieder der Kampf eines Jedi gegen Lourna Dee, auf mich teilweise etwas repetitiv. Aber das ist Meckern auf ganz hohem Niveau.

Fazit

The Rising Storm ist ein absolut hochklassiges Star Wars-Buch, das den generellen Trend von The High Republic fortsetzt und dem ich mit Freude fünf von fünf Holocrons verleihe. Den faszinierenden Republic Fair und die tolle Charakterentwicklung von Elzar Mann solltet ihr auf keinen Fall verpassen. Absolute Leseempfehlung – natürlich erst, nachdem ihr auch Light of the Jedi gelesen habt!

Bewertung: 5 von 5 Holocrons
Bewertung: 5 von 5 Holocrons

Wir danken Penguin Random House UK und dem Del Rey-Verlag recht herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

The Rising Storm in der britischen Ausgabe von Del Rey könnt ihr euch auf Amazon¹ bestellen. Ein Erscheinungstermin für die deutschsprachige Ausgabe wurde noch nicht angekündigt.

Was ist eure Meinung zu The Rising Storm?

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Star Wars: Die Hohe Republik ist ein mehrjähriges Buch- und Comicprogramm, das 200 Jahre vor den Filmen spielt und die Jedi in ihrer Blütezeit zeigt. Weitere Infos, News, Podcasts und Rezensionen gibt es in unserem Portal und in der Datenbank.

4 Kommentare

      1. Ich sei, gewährt mir die Bitte,
        In eurem Bunde, die Dritte!
        Oder auch einfach gesagt: Ich schließ mich deiner Rezension und eurer Meinung an, gerade was den Republic Fair-Freizeitpark angeht!

  1. So ich will an dieser Stelle auch noch meinen Senf zu The Rising Storm abgeben. Und weil ich bisher durchweg begeistert bin von der Hohen Republik, habe ich mich auf diese zweite Welle sehr gefreut. Heute erst sind die anderen zwei Romane Crashpoint und Shadows endlich eingetroffen. Aber nun zum zweiten Roman. Der wie ich finde, ganz toll den Auftaktroman weiterführt und bei mir wirklich gut funktioniert hat. Persönlich hat mir der Angriff auf die Fair auch noch bessere, weil für mich greifbarer, funktioniert als das Hyperraum Desaster aus LotJ. Die ganze Ära profitiert dabei aus meiner Sicht vor allem von den wirklich guten Jedi Charakteren mit denen man einfach auch noch das nächste Abenteuer überstehen möchte. Kleine Kritikpunkte an TRS wäre zum einen, die im Vergleich zu Light of the Jedi doch etwas flacheren Neben-Neben-Charaktere und vor allem Marchion Ro nicht noch präsenter im gesamten Buch vertreten war. Sein Kapitel zum Anfang hat mir einfach so gut gefallen. Gerne mehr davon. 🙂

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