„Immer zu zweit, sie sind. Keiner mehr, keiner weniger. Ein Meister und ein Schüler.“
Yoda, Episode I: Die dunkle Bedrohung
Seit dem Start von Disney+ ist es Tradition, am May the Fourth für neue Star Wars-Inhalte einzuschalten. Wie lässt sich der wichtigste Tag des Jahres denn auch sonst am besten verbringen? Also wurde der Veröffentlichungsrhythmus von Maul: Shadow Lord exakt so getaktet, dass das große Finale der ersten Staffel – eine zweite wurde noch vor Serienstart angekündigt – auf den offiziellen Feiertag fiel und möglichst viel Aufmerksamkeit mitnehmen konnte. Was dann dort präsentiert wurde, lässt nach mehreren ungenutzten Möglichkeiten, die verstrichen, ein Szenario zu, das oft möglich war (mit Ezras Versuchung war man sooo nah dran), dem man sich immer wieder annäherte (wer erinnert sich noch an das Kuriosum Star Wars Tales: Wiederauferstehung von 2001?), das aber dennoch nie ganz eintreffen wollte. Bis jetzt.
In „Ungewöhnliche Allianz“ (den Originaltitel „Strange Allies“ trug schon einmal ein thematisch nicht verwandter The Clone Wars-Comic) ebnen Autor Christopher Yost (Kapitel 6) und Regisseur Steward Lee (Kapitel 1, 3 und 6) den dramatischen Weg zum fulminanten Abschluss, den Matt Michnovetz und Brad Rau unter der Regie von Nate Villanueva zur Chefsache erklärten. Den unheilvollen Titel der zuvor nur als „Finale“ gelisteten Episode „Der dunkle Lord“ („The Dark Lord“) hatte man auf Disney+ zunächst nicht einmal angezeigt und es bei „Kapitel 10“ belassen. Man wollte die große Überraschung nicht verderben. Seid hiermit vorm Weiterlesen gewarnt, solltet ihr aus irgendeinem Grund diese Rezension aufrufen, ohne die Folgen vorher gesehen zu haben.
„Vertrauen wird auf die Probe gestellt, während neue Verbündete den einzigen Ausweg suchen.“
„Eine letzte Prüfung, eine letzte Chance zu entkommen und zu überleben.“
Folgenbeschreibungen auf Disney+
Achtung: Diese Rezension ist nicht spoilerfrei, um das Staffelfinale unter Berücksichtigung der entscheidenden Wendungen zu rezensieren. In der Kommentarsektion dürft ihr ebenfalls frei und spoilerlastig eure Eindrücke zur Serie mitteilen. Die Rezension und die Kommentare enthalten also Spoiler!

Dawn ex Machina
Bevor der große, dunkle Meister droht, die Show zu stehlen, kehrt zu Beginn zuerst ein anderer Filmbösewicht nach einigen Jahren zurück. Der von Paul Bettany verkörperte Oberschurke von Solo: A Star Wars Story, Dryden Vos, wird im Original diesmal von Scott Whyte gesprochen, der Bettanys brititschen Ausdruck überzeugend nahekommt. Für die deutsche Fassung kehrt Timmo Niesner zurück, der dem schmierigen Unterboss von Crimson Dawn schon im Filmauftritt seine Stimme lieh. Früher hätte diese Besetzung dem selbst erzeugten Anspruch der Synchronisationen von Star Wars-Animationsserien wie selbstverständlich entsprochen. In heutigen Zeiten des stets von Stimmen-Chaos und Umgewöhnungen geprägten Maul: Shadow Lord ist es eine kleine Sensation, über die man sich in seinem Dialog mit dem fehlbesetzten Maul aber nur wenig freuen kann. Es ist wie verhext.
Inhaltlich kommt die plötzliche und unzureichend aufgebaute Hinführung der Handlung zu Mauls Aufstieg bei Crimson Dawn im Kontext der Serienhandlung quasi aus dem Nichts. Es war seit der Ankündigung der Serie klar, dass die wichtige Brücke zwischen den Auftritten des Zabrak genau dies zum Ziel haben muss. Dass das Thema aber so unerwartet in die Serie stolpert, irritiert vor allem mit Blick auf die ungewöhnlich kurze Staffellänge von nur zehn Episoden. Musste hier ungeplant gekürzt werden? Hatte man zu wenig Zeit für größeren Kontext und musste die Figuren durch unvermeidliche Actionszenen lenken, wie den aus dem Trailer bekannten Kampf gegen einen AT-AC – der fairerweise eine schöne Würdigung von Sam Witwers langjähriger Arbeit an Star Wars ist, weil er die Finisher bei Kampfläufer-Kämpfen in The Force Unleashed referenziert –?

Darth versus Darth
Längst überfällig und nun endlich mit all seiner Wucht kommt es dagegen zum Aufeinandertreffen zweier Giganten der dunklen Seite. Darth Vader nimmt sich nach den vorgeschickten Inquisitoren höchstpersönlich den Flüchtigen an und zwingt den Erstbesetzer seines Platzes an Sidious‘ Seite in einen direkten Zweikampf. Inszenatorisch ist, was das Ende der neunten Episode verspricht und die zehnte Episode dann einlöst, richtig großes Kino in der Tradition der denkwürdigsten Star Wars-Momente überhaupt. Wenn die beiden ikonischen (Ex-)Sith in ihren unterschiedlichen Kampfstilen die roten Schwerter kreuzen, treten dabei überraschende Variationen mit Waffen, Kampfstilen und Verbündeten (die beiden Jedi und die Inquisitoren sind ja auch dabei) auf. Der lange Kampf ist frisch und unterhaltsam, während Vader als unaufhaltsame Naturgewalt inszeniert wird, wie man ihn sehen möchte.
Dass dieser ikonische Moment im bekannten, aber weiterentwickelten Animationsstil präsentiert werden darf, ist die Sith-rote Kirsche auf der Lichtschwerttorte. Was sich aber durch alle Besprechungen der Serie zieht, wird auch hier wieder zum Thema, benannt: die Stimmen. Maul: Shadow Lord ist nämlich das erste Bewegtbild-Projekt mit einem Auftritt Vaders seit dem Tod des brillanten James Earl Jones. Die Frage, wie man mit seiner Stimme umgeht, also ob mit den Rechten an Jones‘ Stimme für eine KI-Verwendung wie schon in Obi-Wan Kenobi oder durch eine Neubesetzung, wird – zumindest diesmal – nicht beantwortet. Vader bleibt stumm, was zwar seine bedrohliche Aura unterstützt, aber auch ein paar Fragezeichen hinterlässt. Von beteiligten Kreativen hieß es, Vader halte hier seine Gegner für so unter seinem Niveau, dass er nichts zu sagen habe. Das vertreibt aber nicht das dumpfe Gefühl, dass man sich hier ob der Situation unsicher war und erst daraus zu dieser Regie-Entscheidung kam.
Nichtsdestotrotz ist das Duell von Ablauf, Setting und Choreografie durch und durch ein Highlight in der Geschichte der Star Wars-Animation.

Crybot
Egal, bei welchem Auftritt: Immer, wenn Vader auftaucht, hat das Konsequenzen für die Charaktere, meist dramatische Tode, mindestens aber optisch sichtbare Veränderungen. So bleibt auch diese Konfrontation nicht ohne Verluste, muss doch Meister Daki für Mauls Überleben und Devons Fall zur dunklen Seite über die Klinge springen (lange waren direkte Stichwunden von Lichtschwertern nicht mehr so tödlich), und Comic-zu-Serie-Mandalorianerin Rook Kast erlebt als Letzte das gefährliche Kräftelevel seiner Macht. Doch schon in der vorletzten Episode wird die Besetzung rund um den Schattenlord so dramatisch ausradiert, wie es sonst erst Rogue One bei der Mission nach Scarif ergehen wird.
So dünnen der Erste Bruder und der Elfte Bruder der Inquisition zusammen mit ihren zwar leicht fallenden, jedoch in Anzahl endlos nachrückenden Sturmtruppen die Besetzung der Serie gnadenlos aus. Obwohl die blasse Figurenzeichnung der Hintergrund-Zabraks die emotionale Wirkung ihres Endes abschwächt, überrascht die Kompromisslosigkeit und Dichte, mit der das Autorenteam die Figuren erledigt. Am schlimmsten trifft dabei tatsächlich die Zerstörung von Spybot, dessen sympathisch-skurrile Charakterzeichnung ihn seit Staffelbeginn zum Liebling werden ließ. Der Moment reiht sich zu den traurigsten emotionalen Toden liebgewonnener Klonsoldaten aus den Zeiten von The Clone Wars ein, weswegen Maul selbst hier stellvertretend für die Zuschauerschaft noch die meiste emotionale Reaktion zeigt. Ob wir derweil von Captain Brander Lawson zum letzten Mal etwas gesehen und gehört haben, ob der Nebel ihm einfach einen würdevollen Abgang spendieren wollte, oder ob wir ihn in Staffel 2 quicklebendig wiedertreffen, wird erst die Zeit zeigen.

Fazit
Die erste Staffel von Maul: Shadow Lord endet mit einem Paukenschlag und einem epischen Kampf, der eine Weile in Erinnerung bleiben wird. Im Ernst der gefährlichen Situation erleiden viele Haupt- und Nebencharaktere ein grausiges Schicksal, wodurch das entstandene Vakuum bei den Bindungspersonen der Überlebenden für die zweite Staffel alle Karten neu mischt. Die kleineren Kritikpunkte seit dem Eintreffen des Imperiums bleiben bestehen und die Frage nach den richtigen Stimmen dank realen Umständen reißen in unterschiedlichen Fällen, aber beiden Tonfassungen immer wieder aus der Immersion. Nun, da Maul endlich seine Schülerin hat und der Handlungsstrang um Crimson Dawn etwas ungelenk losgetreten wurde, steht Staffel 2 und dem, was die Serie eigentlich zu erzählen hat, nichts mehr im Weg. Hoffentlich hält sie mindestens das Niveau des tollen Auftakts.
Inzwischen haben sich Tobias, Theo und ich in einer neuen Ratssitzung im JediCast über die Staffel ausgetauscht. Dabei hatten wir teils unterschiedliche Ansichten über verschiedene Elemente des Werks. Lauscht uns gern mit Klick auf die Grafik:
Nun seid ihr aber dran. Was sagt ihr zum epischen Duell und haben euch die Abenteuer auf Janix gut unterhalten? Die Kommentare stehen euch offen!












