Rezension: X-Wing: Angriff auf Coruscant von Michael A. Stackpole

Diese Piloten sind Legende, diese Einheit ist Legende, und keiner von uns wird je mehr sein können.

Wedge Antilles

Endlich habe ich es geschafft, bei einer der längeren Buchreihen für Erwachsene im Star Wars-Universum anzukommen. Die Rede ist von der X-Wing-Reihe, die von Michael Stackpole und Aaron Allston geschrieben wurde. Insgesamt sind es zehn Bücher, die von 1996 bis 1999 und noch einmal eines im Jahr 2012 erschienen sind. X-Wing 10: Gnadentod hat unser Kollege Joshua bereits zum Deutschland-Release im Jahr 2013 rezensiert. Seine Rezension könnt ihr hier noch einmal nachlesen.

X-Wing 1 wurde von Michael Stackpole geschrieben, der zeitgleich an den X-Wing Comics arbeitete, die aktuell in der Star Wars Comic-Kollektion neu auf Deutsch aufgelegt werden. Da die Renegaten-Staffel hier neu ins Leben gerufen wurde, ist das natürlich ein massiver Spoiler für das Ende der Comic-Reihe, die in etwa drei Jahre früher spielt. Ähnliches gilt für die Beziehung zwischen Tycho und Winter aus den Comics.

Dieser erste Roman heißt im Original Rogue Squadron, was im Deutschen als Angriff auf Coruscant übersetzt wurde, statt mit Rengaten-Staffel. Alternativ hätte es auch gleich als Rogue Squadron unübersetzt bleiben können. Die Wahl des Titels ist tatsächlich witzig, da der eigentliche Angriff auf Coruscant in diesem Buch zwar vorbereitet, aber nicht durchgeführt wird. Fehlgriff der Übersetzung in meinen Augen.

Wir beginnen die Handlung in einer Raumschlacht. Schnell erfahren wir, dass es sich nur um eine Simulation handelt, und folgen in dieser Corran Horn, der diese Übung mit einem unkonventionellen Manöver gewinnen und sich so von seinen Teamkollegen abheben will. Dies ist Corrans erster chronologischer Aufritt in einem Roman des Star Wars Legends-Bereichs. Er kommt nur in einer Kurzgeschichte, die kurz zuvor spielt, noch früher vor. Diese ist im Deutschen lediglich in der Kurzgeschichtensammlung Die Flucht der Rebellen erschienen, die aber auch einige Geschichten aus einem späteren Zeitraum enthält, weswegen ich sie später rezensieren werde.

Und das bringt mich auch direkt zum ersten und größten Kritikpunkt an X-Wing 1: Wir bekommen quasi keine Einführung in die Geschichte und die Charaktere. Insbesondere Corran, der uns als Hauptfigur dient, wird als komplett bekannt vorausgesetzt, sodass ich erst einmal nachschauen musste, ob ich vielleicht ein Werk übersprungen hatte, aber das war nicht der Fall. Ebenso verhält es sich mit den anderen Figuren der Staffel. Bei Wedge Antilles und Tycho Celchu kann ich das tatsächlich nachvollziehen, weil sie zum Beispiel in den X-Wing-Comics, oder auch Der Pakt von Bakura vorkommen. Aber bei neuen Charakteren fände ich es schon nett, ein wenig an die Hand genommen zu werden.

Ganz anders verhält es sich mit der Ausbildung der neuen Mitglieder der Renegaten-Staffel. Diese wird in allen bildlichen Details genauestens beschrieben. Quasi jeder Knopfdruck und jedes Pedalwackeln wird dem Leser ausschweifend erklärt, sodass in den ersten drei Vierteln des Buches im Prinzip nichts passiert. Leider hat Stackpole es nicht geschafft, mich an die Mitglieder der Staffel zu binden, die nicht Horn, Celchu, oder Antilles heißen, und so hat auch der erste, wenn auch überraschende Tod eines Mitgliedes mich komplett kalt gelassen hat. Und das war noch die Person, die relativ häufig Anwesend war.

Selbst die Schmugglerin Mirax Terrik, welche im letzten Viertel viel „Screentime“ hat, hat sich mir besser eingeprägt als die meisten Staffelmitglieder. (Gut, ich weiß auch, was mit ihr passieren wird, weil ich nach X-Wing schon viel gelesen habe, aber trotzdem).

Obwohl auch sehr ausschweifend geschrieben, ist es das letzte Viertel allerdings wirklich wert gelesen zu werden. Hier haben wir endlich die Spannung und echte Handlung, die im restlichen Buch fehlt.

Stackpole versucht auch tatsächlich, viel mit anderen Legends-Werken zu arbeiten, aber im Jahr 1996 gab es noch nicht allzu viel, daher bleibt es bei einigen Referenzen, wie die Hinweise auf Winter Celchu und Iella Wessiri sowie Booster Terrik, die in späteren Werken noch mittelgroße Rollen bekommen sollten. Im Fall der Katana-Flotte übertreibt er aber gewaltig. Gefühlt wurde diese verschollene Flotte, die in Timothy Zahns Die dunkle Seite der Macht wiedergefunden werden wird, in jedem zweiten der 40 Kapitel erwähnt und spätestens beim vierten Mal war ich nervlich an dem Punkt, bei dem ich dachte: „Ja, wir haben verstanden, dass du die Thrawn-Trilogie gelesen hast“. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Referenzen und Verknüpfungen, aber nun einmal nicht eine einzige und dafür eine Millionen Mal.

Auch die Übersetzung ist an einigen Stellen eher fragwürdig. Insbesondere fallen mir da der Titel Angriff auf Coruscant für Rogue Squadron und die Sonderstaffel, ebenfalls für Rogue Squadron ein. Insbesondere da in Das Imperium schlägt zurück bereits von Renegaten die Rede ist.

Wenig überraschend kommt daher auch die Aussage, dass der Gegner der Neuen Republik ebenfalls ein ziemlich flacher Charakter ist: Agent Kirtan Loor, welcher direkt zu Beginn zur Marionette von Ysanne Isard wird, der Geheimdienstchefin und faktischen Führerin des Imperiums. Ysard selbst wirkt interessant, aber ihr Püppchen kann mich einfach nicht überzeugen.

Alles in allem gebe ich Angriff auf Coruscant zwei von fünf Holocrons. Obwohl das letzte Viertel wirklich gut war, hat sich der Rest einfach nur gezogen wie Gummi und ich glaube nicht, dass ein Neuling im Legends-Bereich sich hier zurechtfinden würde, wenn ich schon Probleme hatte. Ich hoffe inständig, dass es ab dem zweiten Band bergauf geht, sonst werden wir eine sehr schwierige Zeit vor uns haben.

Bewertung: 2 von 5 Holocrons
Bewertung: 2 von 5 Holocrons

8 Kommentare

  1. Mir hat die Art, mit der Stackpole uns mitten ins Geschehen wirft, wie er mit wenigen Worten und Begegnungen, insbesondere aber mit ihrem Verhalten im Cockpit seine Charaktere skizziert, immer sehr gut gefallen. Ich habe auch die Simulatorsequenzen und die ersten Missionen nie als zäh empfunden. Als großer Fan der X-Wing-Computerspiele entsprach das damals genau meinen Erwartungen. Meinem Empfinden nach hat Stackpole es immer herausragend verstanden, die richtige Balance zwischen charaktergetriebener Handlung und galaxisweitem Geschehen zu finden. Etwas, was vor allem der Mehrheit der Bücher im neuen Kanon leider nach wie vor stark abgängig ist. Aber ich weiß, die Geschmäcker sind verschieden.

    Die Katanaflotte wird übrigens insgesamt nur an drei Stellen im Buch erwähnt, wenn auch an einer dieser Stellen das Wort tatsächlich zweimal Verwendung findet. Zumindest war das so, als ich zuletzt nachgezählt habe. 😉

  2. Mein Beileid. Ich habe mich damals nach Thrawn-Trilogie, Dark Empire, Shadows of the Empire oder Dark Saber sehr auf die X-Wing-Reihe gefreut. Nach einigen Bänden der Reihe habe ich das SW EU gelangweilt für Jahre beiseite gelegt.
    Als ich irgendwann Unendlicher Spaß von Wallace las, fühlte ich mich bei den Tennis-Passagen an die ermüdende Akribie Stakepoles Beschreibungen von Flugmanövern und technischen Detailabläufen erinnert…

  3. 2 Holocrons, ich bin schockiert! Aber deiner Argumentation nach erscheint das schlüssig. Für mich war das 2004/2005, als ich mit der Star Wars-Literatur begann, der fünfte Roman überhaupt und hätte ich es ähnlich wie du gesehen, hätte ich dieser Reihe sicher auch direkt den Rücken gekehrt. Aber damals herrschte noch eine andere Situation und ich nahm alles gierig auf und feierte es – heute würde ich Geschichten wie diese sicher auch mit einem anderen Auge betrachten.

  4. Wie Julian schon schreibt ist deine Argumentation schlüssig. Trotzdem hätte ich vor dem Lesen deiner Rezension nie mit einer Bewertung von 2 Holocrons gerechnet.
    Für mich ist das noch länger her, aber dennoch habe ich dieses Buch nicht als langweilig im Kopf. Als ich es 1996 las war es erfrischend, dass die Hauptfiguren nicht Luke, Leia und Han waren. Denn nun war nicht klar wer stirbt denn im Laufe des Romans. Die Romane von Michael A. Stackpol sind neben den Timothy Zahn und den Karen Traviss Romanen meine absoluten Lieblinge in den Legends und hatten mir damals das Star Wars Universum wunderbar erweitert. Da die Erinnerung immer alles verschönt würde ich 1 Holocron als Erinnerungswert abziehen und käme so auf eine Bewertung vom 4 Holocrons.
    So unterschiedlich ist doch die Sicht auf die gleichen Dinge.

    1. Das wundert mich jetzt wirklich. Was ich bislang so mitbekommen habe, haben Leute, die Stackpole als „zäh“ empfinden (oder mit Corran Horn nicht warm werden), „normalerweise“ mit Band 3 am meisten zu kämpfen. (Band 3 „Die Teuflische Falle“ war übrigens mein erster Star Wars-Roman überhaupt. Bin ja mal gespannt, als wie einsteigerfreundlich du den empfinden wirst. :-D)

      Aber vielleicht waren deine literarischen Geschmacksknospen einfach auch nur noch von den Verirrungen der Jedi-Prinz-Reihe verstopft und es hat eines guten Buches, wie „Angriff auf Coruscant“, bedurft, um sie wieder empfänglich für gute Star Wars-Romane zu machen. :-p

  5. Für mich gehört die X-Wing-Reihe auch mit zu den Highlights der Legends. Die Eroberung Coruscants aus der Sicht der Helden aus der „zweiten Reihe“ zu erzählen hat mir sehr gut gefallen. Das die Helden/Schurken aus den Filmen nicht zu den Hauptakteuren gehörten und auf Lichtschwerter (fast) verzichtet wurde,  empfand ich Ende der 90er als sehr erfrischend!
    Nur die beiden letzten Bände (9+10) habe ich nicht als so gelungen empfunden.

    Wenn ich mich recht entsinne wechselte Stackpole bei der Beschreibung der gerade agierenden Personen gerne zwischen Namen, Spezies und Piloten-Kennung. Ich fand es anfangs etwas schwer den Überblick zu behalten, und war kurz davor mir Notizen zu den einzelnen Pilot_innen zu machen. 😀

    Die X-Wing-Comics muss man glaube ich nicht gelesen haben, um der Handlung oder der Entwicklung der Charaktere in den Romanen folgen zu können.

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