Rezension: Dark Legends von George Mann

Mit dem liebevoll gestalteten Märchenband Star Wars: Myths & Fables haben Autor George Mann und Illustrator Grant Griffin letztes Jahr eines meiner persönlichen Highlights der Star Wars-Literatur geschaffen. Das bewährte Duo legt nun bei Disney-Lucasfilm Press mit einem zweiten Band voller Erzählungen aus der Star Wars-Galaxis nach, der sich diesmal ganz auf die düster-schaurige Seite der Saga (und der Macht) konzentriert. Kann Star Wars: Dark Legends seinem Vorgänger gerecht werden?

Dark Legends (28.07.2020)
Dark Legends (28.07.2020)

Aufbau und Aufmachung sind weitgehend identisch geblieben – nach einem Prolog eines fiktiven Geschichtensammlers, der uns in Gebrüder-Grimm-Manier diese Erzählungen ausgewählt hat, gefolgt von einem kurzen Inhaltsverzeichnis, springen wir auch schon mitten hinein ins schaurige Vergnügen. Dabei steht vor jeder Geschichte eines von Griffins Gemälden, das bereits erahnen lässt, welche Art von Grusel oder Horror uns erwartet. Ein paar Dinge haben sich aber doch geändert – die Seitenränder des Buches sind nun ausgefranst, um bewusst den Eindruck eines abgegriffenen Einbands zu erwecken. Außerdem ist Dark Legends kleinformatiger als Myths & Fables, was wohl teils auch der geringeren Geschichtenzahl (sieben anstatt der neun des Vorgängers) geschuldet ist. Ich finde das neue Format keineswegs schlecht, aber wer gerne einheitliche Formate im Regal hat, darf hier enttäuscht sein.

Doch nun zu den Geschichten selbst. Folgende finstere Legenden, Ammenmärchen, Mythen und schaurig-moralisierende Fabeln dürft ihr erwarten:

  • „The Orphanage“ – In einem Waisenhaus erzählt man sich, ab und an erscheine nachts eine dunkel gewandete, bleiche Gestalt und stehle besondere Kinder im Schlaf, doch auch als die Fälle vermisster Kinder sich häufen, glaubt niemand den Waisen. Wer den Kanon (insbesondere in animierter Form) bisher gut mitverfolgt hat, dürfte schnell erkennen, von welcher Art Monster hier die Rede ist. Wenn nicht, verrät es bereits auch sehr eindrucksvoll die Anfangsillustration.
  • „Buyer Beware“ – Wenn selbst der Ladenbesitzer Dok-Ondar sagt, dass man dieses antike Artefakt nicht kaufen sollte, weil es zu gefährlich ist, sollte man besser auf ihn hören. Wenn nicht, lernt man eben auf die harte Tour die Moral von der Geschicht‘.
  • „The Predecessor“ – Ein Offizier verschwindet unter Darth Vaders Kommando und sein Nachfolger fragt sich, was passiert ist. Als sich die Hinweise auf das Schicksal seines Vorgängers verdichten, steigt auch die Paranoia des Nachfolgers…
  • „Blood Moon“ – Ein blutig roter Mond über einem postapokalyptischen Planeten. Ein verzweifeltes Expeditionsteam. Was wäre ein Horrorband ohne eine Werwolfgeschichte?
  • „The Dark Mirror“ – Wie sein Meister zuvor steigt ein vielversprechender Jedi-Ritter als strahlende Lichtgestalt im Orden auf. Doch jedes Licht wirft auch einen Schatten…
  • „The Gilded Cage“ – Darth Caldoth, bekannt aus Myths & Fables, zieht den Ärger der Nachtschwestern auf sich, und deren Rachedurst ist legendär. Ein Sith-Lord ist aber auch kein leichtes Ziel…
  • „A Life Immortal“ – In den Tiefen von Exegol schlummert das Geheimnis des ewigen Lebens, da ist sich die ehrgeizige Darth Noctyss sicher. Doch ist dies wirklich alles, was dort schlummert?

Auch bei diesem Buch kann ich nur sagen: Ich bin begeistert! George Mann hat für Dark Legends das Horror-Genre gekonnt in die Star Wars-Galaxis übertragen. Dabei geht es – bis auf „Blood Moon“ – selten blutig zu, denn wie jeder Horror-Kenner spätestens seit „The Shining“ weiß, kommt der wahre Schrecken aus den Tiefen der eigenen Psyche der Protagonisten, die sich gegen sie wendet oder von äußeren Mächten gegen sie gewendet wird.

George Mann muss man außerdem dafür loben, dass er sehr vielfältige Wege gefunden hat, diesen Psycho-Horror zu erzeugen, und dabei die umfangreiche Werkzeugkiste des Genres ausschöpft. Überbordende Paranoia, finstere Artefakte, rachsüchtige Hexen oder die eigene unterdrückte Schattenseite – über all diese Wege fallen die Protagonisten ihrem Unheil anheim. Im Falle des Werwolfs bei „Blood Moon“ gesellt sich auch noch eine leichte Prise „body horror“ hinzu, und nebenbei bemerkt nutzt Mann hier gekonnt das Repertoire wolfsartiger Spezies in Star Wars.

Interessant ist auch immer, den Kanonwert der Geschichten zu bedenken. Natürlich handelt es sich um Schauermärchen, die man in der weit, weit entfernten Galaxis erzählt, doch bei allen hier vorhandenen Erzählungen ist plausibel, dass sie so oder so ähnlich stattgefunden haben könnten. Die Verwebungen mit dem restlichen Kanon helfen dabei – Exegol, Vader, der Großinquisitor, die Nachtschwestern und der zuerst in Dooku: Jedi Lost erwähnte Darth Caldoth sind nur einige Beispiele solcher Verwebungen. Tatsächlich liefert die Caldoth-Geschichte „The Gilded Cage“ sogar direkte Überschneidungen mit der Geschichte „Gaze of Stone“ aus Myths & Fables.

Wer auf ungewöhnliche Star Wars-Bücher, das Horror-Genre und insbesondere die Sith und die dunkle Seite steht, sollte sich Dark Legends nicht entgehen lassen! George Mann ist es gelungen, sich die ureigenen düsteren Elemente von Star Wars anzueignen und ihnen in diesen Geschichten freien Lauf zu lassen, und das Ergebnis ist überaus lesenswert! Die stimmungsvollen Kunstwerke von Grant Griffin runden den Band wunderbar ab.

Wir danke Disney-Lucasfilm Press herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

5 Kommentare

      1. Das mag sein. Ich hatte das eBook gelesen, da fällt das natürlich weg. Ich hatte nur den Umfang der Geschichte selbst verglichen. Dark Legends 8,49€ vs Queen’s Peril/Free Fall 8,99€

  1. Die Geschichte „A Life Immortal“ eignet sich hervorragend für endlose Diskussionen über Exegol und was und wer sich dort verbirgt und was wir davon in E IX gesehen haben. Ich fand alle Geschichten unterhaltsam, aber die letzte besonders.

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