Rezension: Master & Apprentice von Claudia Gray

Endlich wieder neues Lesefutter von meiner Lieblings-Star-Wars-Autorin Claudia Gray! Endlich ein Buch über die Prequel-Zeit und die Jedi des alten Ordens! Schon seit Monaten hatte ich mich auf diesen Roman gefreut, der die Wünsche, die ich an Star Wars habe, in sich zu vereinen schien: Master & Apprentice, welcher am 18. April beim britischen Verlag Century erscheint. Doch kann Claudia Grays vierter Beitrag zum Kanon meinen astronomisch hohen Erwartungen gerecht werden?

Doch zunächst einmal ein kurzer Einblick in den Inhalt des Romans: Master & Apprentice setzt zu einem Zeitpunkt an, an dem Obi-Wan Kenobi 17 Jahre alt und Padawan von Qui-Gon Jinn ist. Doch trotz jahrelanger Zusammenarbeit scheint es mit dem Teambuilding bei den beiden nicht recht klappen zu wollen. Da Qui-Gon bezweifelt, dass er der richtige Meister für Obi-Wan ist, kommt ihm die Einladung, Teil des Jedi-Rats zu werden, gerade recht. Denn das würde bedeuten, dass er seinen Padawan abgeben muss. Doch bevor Qui-Gon sich entscheiden kann, kommt eine Mission auf dem Planeten Pijal dazwischen. Dort regiert der eigenbrötlerische Jedi Rael Averross, ein früherer Schüler Dookus, als temporärer Vertreter für die minderjährige Kronprinzessin Fanry. Deren Krönung zur Königin sowie die Eröffnung eines neuen Hyperraum-Korridors durch den einflussreichen Czerka-Konzern stehen bald an, doch eine Terrorgruppe bedroht mit Anschlägen die Durchführung der Feierlichkeiten. Qui-Gon und Obi-Wan müssen herausfinden, was hinter den Vorgängen auf Pijal steckt und auch ob sie als Meister-Schüler-Team doch noch eine Chance haben…

Die Handlung, die Claudia Gray erzählt, ist recht komplex und verknüpft die Schicksale diverser Figuren miteinander, wobei auch immer wieder kleine Episoden aus der Vergangenheit eingestreut werden, um Qui-Gons Zeit als Padawan von Dooku und seine Vorgeschichte mit Averross näher zu beleuchten. Allerdings werden die verschiedenen Handlungen schon zu Anfang sinnvoll miteinander verknüpft, sodass ich nie (wie es schon bei einigen anderen Star Wars-Büchern der Fall war) das Gefühl hatte, lange nach dem roten Faden suchen zu müssen. Was ich an Claudia Gray so sehr liebe, ist, dass sie nie sinnlos etwas erzählt, sondern dass jede Szene und jeder Absatz eine Funktion in der Geschichte hat und später noch von Bedeutung sein wird. So wirkt zum Beispiel eine Actionszene am Anfang wie ein reiner Aufhänger, um unsere beiden Jedi kennenzulernen, aber am Ende des Romans werden Details daraus nochmals relevant. (Diese stringente Erzählweise ist mir umso positiver aufgefallen, weil ich direkt vor Master & Apprentice E. K. Johnstons YA-Roman Queen’s Shadow gelesen hatte, dem absolut der rote Faden fehlt und der vor sinnlosen Szenen ohne Handlungswert nur so strotzt. Umso mehr weiß ich Claudia Grays meisterhafte Schreibkunst zu schätzen.)

Was den Spannungsaufbau angeht, so hat der Roman eine Art Krimi-Element. An der Seite der beiden ermittelnden Jedi kann man als Leser die ganze Zeit mitraten, wer denn alles in die Terroranschläge involviert sein könnte und aus welchen Motiven. Über den Roman hinweg bekommen wir immer mehr Hinweise und Informationsbrocken, die die Situation immer wieder in einem neuen Licht erscheinen lassen. Natürlich kommt es am Ende dann auch zu einem Twist. Diesen konnte ich dieses Mal aber schon in Ansätzen vorausahnen, da ich wusste, dass Claudia Gray immer einen Twist einbaut. Ganz sicher war ich mir jedoch nie, da genügend falsche Fährten gestreut werden, um die Auflösung nicht frühzeitig zu verraten.

Master & Apprentice (Star Wars Celebration Chicago Exclusive Edition) (11.04.2019)
Master & Apprentice (Star Wars Celebration Chicago Exclusive Edition) (11.04.2019)

Auch den Protagonisten haucht die Autorin glaubhaft Leben ein. Vor allem Claudia Grays Lieblingsfigur Qui-Gon Jinn wird ein dreidimensionaler Charakter mit Ecken und Kanten. Ich hätte nie gedacht, dass die Hintergrundgeschichte, warum Qui-Gon an Prophezeiungen glaubt, so spannend sein könnte. Die Meister-Schüler-Beziehung zwischen ihm und Obi-Wan ist sehr liebevoll ausgearbeitet und obwohl beide miteinander Probleme haben, schiebt der Roman nie einem allein die Schuld zu. Stattdessen arbeitet Claudia Gray die Eigenheiten und Ansichten beider Jedi heraus und lässt beide Weltanschauungen für den Leser gleichwertig nebeneinander stehen bzw. sich ergänzen. Auch in Obi-Wan als besorgtem Schüler, der zwischen Selbstvorwürfen und Ärger über Qui-Gon, der ihn im Stich lassen will, schwankt, konnte ich mich sehr gut einfühlen. Besonders eine Szene, in der Obi-Wan schwer von seinem Meister enttäuscht ist, hat mich sehr bewegt. Generell ist die Dynamik zwischen Meister und Schüler extrem spannend, da sie sich fast den gesamten Roman über in der Schwebe befinden und glauben, dass sie schon in wenigen Tagen wohl schon getrennte Wege gehen werden, was die Emotionen hochkochen lässt. Aber nicht nur das Verhältnis zwischen Obi-Wan und Qui-Gon, sondern auch das zwischen Qui-Gon und seinem Meister Dooku wird vertieft behandelt. Die Rückblicke in Qui-Gons Padawan-Zeit zeigen uns einen steifen, anspruchsvollen, mysteriösen und manchmal auch furchteinflößenden Dooku, dessen Schüler man wohl nur ungern wäre. Es tut sich hier eine neue, interessante Perspektive auf, denn Claudia Gray geht in Ansätzen auch darauf ein, wie und warum Dooku sich vom Jedi-Orden abwandte. Ich hoffe darauf, dass Dookus Geschichte im Hörspiel Jedi Lost, das am 30. April erscheint, noch ausgebaut wird. Anscheinend nimmt das Hörspiel ja Bezug auf Master & Apprentice und auch Rael Averross wird darin auftreten, wie Cavan Scott am Wochenende auf der Star Wars Celebration verriet.

Dem Roman tut es insgesamt jedenfalls sehr gut, dass er – im Gegensatz zu Kanon-Romanen aus anderen Epochen – vollkommene Freiheit darin zu haben scheint, die Vergangenheit seiner Protagonisten zu erforschen. Ich habe hier keinerlei Stellen wahrgenommen, die sich so anfühlten, als hätte die Story Group eingegriffen und gesagt: „Halt, dies und jenes darfst du nicht erzählen!“

Auch die neuen Nebenfiguren sind, typisch für Claudia Gray, mit viel Kreativität gestaltet. Rael Averross mit seiner tragischen Vorgeschichte, seinem seltsam ungepflegten Aussehen und seinem eigenbrötlerischen Verhalten bleibt ebenso in Erinnerung wie der von Protokolldroiden aufgezogene und deshalb im Umgang mit Menschen etwas ungeschickte Juwelendieb Pax und seine Komplizin Rahara, die auf eine grausame Kindheit zurückblickt.

Einen weiteren Aspekt, den ich an Claudia Grays Romanen immer sehr bewundere, ist das Worldbuilding. Auch für Pijal hat sie sich wieder einige interessante kulturelle Eigenheiten einfallen lassen, die den Planeten zu mehr als einer austauschbaren Location machen. Aber auch die Jedi-Prophezeiungen, die sie dem Star Wars-Universum hinzufügt, sind wahnsinnig spannend, sodass ich sie mir direkt alle aufgeschrieben habe. Bei manchen Andeutungen habe ich mich auch gefragt, ob es vielleicht Anspielungen auf kommende Geschichten sein könnten. Aufgefallen ist mir auch, dass in Claudia Grays Jedi-Orden Machtvisionen scheinbar extrem selten zu sein scheinen. Ich dachte eigentlich immer, dass jeder Jedi zumindest einmal in seinem Leben mal eine Vision hat und das recht normal ist. Dass die Jedi (zumindest die verblendeten Prequel-Jedi) Visionen kaum mehr kennen und daher auch nicht ernst genug nehmen, halte ich auf jeden Fall für einen interessanten Ansatz.

Zuletzt möchte ich noch das Thema Lobbyismus ansprechen, das in Master & Apprentice aufgegriffen wird. Wenn der Czerka-Konzern überall auf Pijal seine Finger im Spiel hat und seine wirtschaftliche und damit auch politische Macht gerne in Gesetzesform gießen möchte, dann ist das auf eine schon etwas gruselige Art und Weise realistisch. Ich musste beim Lesen teilweise an die aktuelle Debatte um die EU-Urheberrechtsreform denken. Ähnlich sauer wie das Verhalten der EU-Politiker hat mich auch das der Politiker in Master & Apprentice gemacht. Man möchte sie schütteln und ihnen zurufen: „Meine Güte, seht ihr nicht, dass ihr von Lobbyisten manipuliert werdet?“ Das ist zwar beim Lesen ein teils frustrierendes Erlebnis, aber wenn es ein Buch schafft, mich so zu packen und Verbindungen zwischen Star Wars und Problematiken der realen Welt herzustellen, ist das immer ein Merkmal hoher Qualität. Andere Bücher, die auf ähnliche Weise diese Brücke zur realen Welt schlagen konnten, waren u.a. Bloodline und Darth Plagueis. Hier befindet sich Master & Apprentice also in illustrer Gesellschaft.

Insgesamt ist Master & Apprentice ein Roman, den man – besonders als Prequel-Fan – uneingeschränkt genießen kann. Die Figuren sind dreidimensional und individuell und die clever aufgebaute Story verknüpft die Spannung eines Krimis mit dem persönlichen Drama zwischen Meister und Schüler. Mit dem Thema Lobbyismus schafft es Claudia Gray darüber hinaus sogar noch, eine Problematik aus unserer realen Welt aufzugreifen und zum Nachdenken anzuregen. Was will man mehr? – Fünf mehr als verdiente Holocrons für Claudia Grays jüngstes Werk!

Bewertung: 5 von 5 Holocrons
Bewertung: 5 von 5 Holocrons

Wir danken Penguin Random House UK und dem Century-Verlag recht herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Master & Apprentice in der britischen Ausgabe von Century könnt ihr euch auf Amazon.de bestellen. Wer die deutsche Übersetzung von Blanvalet namens Meister und Schüler lesen will, muss sich noch bis zum 18.11.2019 gedulden; sie kann auf Amazon.de zumindest als E-Book schon vorbestellt werden.

Was ist eure Meinung zu Master & Apprentice?

10 Kommentare

    1. Ich würde sogar sagen, dass sie die beiden Herren mühelos übertrifft (zumindest kann ich beiden nicht mehr viel abgewinnen… gerade Zahns Thrawn-Geschichten sind inzwischen sehr ausgelutscht).

      Aber ja, ich konnte das Buch dank Ines auch schon lesen und kann ihre Rezension nur so unterschreiben. 🙂 Ein bisschen vorhersehbar war es stellenweise schon, aber am Ende war ich an einer Stelle dann doch wieder überrascht.

  1. Soeben fertig geworden und ich kann der Rezension nur zu 100% zustimmen. Ich habe lange nicht mehr das Gefühl gehabt ein Star Wars Buch nicht mehr aus der Hand legen zu wollen. Die Einblicke in die Beziehung zwischen diesen eigentlich ungleichen und doch gleichen Jedi hat mir – wie mir jetzt umso mehr bewusst wird – lange Zeit gefehlt. Auch die Beziehung von Qui-Gon zu seinem Glauben an Visionen und Prophezeiungen wird quasi zum Hauptthema des Buches und liefert schlussendlich im Epilog eine weitere gute Erklärung für die Entscheidung von Obi-Wan, die aus seinen Erfahrungen auf Pijal resultiert. Die Nebencharaktere sind mir ebenfalls schnell ans Herz gewachsen.
    Die Auflösung des Konfliktes am Ende hätte lustiger nicht sein können,und lieferte sogleich die Antwort auf eine Abneigung die in den Prequels oft zum Ausdruck kommt.
    Die Einbindung des Lobbyismus Themas empfand auch ich als extrem positiv. Im Vergleich zum eher magischen Agieren der Politik im YA Roman Queens Shadow, wurde dieser Aspekt hier überraschend detailliert und realitätsnah beschrieben. Auch die stückweise Resignation vor der Macht großer Konzerne und der Sklaverei wurde hier im vergleich zu einem Abstecher nach Tatooine in Queens Shadow so dargestellt, dass man die Enttäuschung und gleichzeitige Machtlosigkeit der Machtnutzer gut verstehen kann. Das wirft natürlich auch einen Schatten auf Episode I und Qui-Gons Besuch auf Tatooine voraus, wenn er Padmés naiven Glauben über das Verbot von Sklaverei entkräftet.

    Alles in allem ein hervorragendes, zusammenhängendes und durchweg spannendes Buch, welches endlich einen Blick vor die Skywalker-Saga im Kanon wagt.

  2. Das hört sich alles ja wirklich sehr gut an! Ich habe bisher die ersten Drei einhalb Kapitel per Leseprobe gelesen und bin auch durchaus postiv gestimmt! Der ganze Charakterkonflikt zwischen Obi-Wan und Qui-Gon ist super dargestellt und ich freue mich schon auf den 18 November wenn ich das Buch weiterlesen kann!

  3. Bin heute auch endlich mit dem Buch fertig geworden und kann mich wie Tobias nur der Rezension anschließen. Aufgrund der Thematik und des Aufbaus würde ich den Roman zusammen mit Luceno’s Tarkin auf den ersten Rang der Kanon-Bücher setzen (Lost Stars ist von den Figuren her und der Empathie für diese zwar besser geschrieben, Gefällt mir von der Thematik her jedoch nicht so sehr wie die eben gennanten).

    —–VORSICHT SPOILER —–
    Die folgende Sektion bedient sich einer Information aus dem Finale des Buches!

    Könnte es sein, dass die Jedi-Wachen, die man in TCW sieht, Kohlen-Kristalle in ihren Lichtschwertern haben? Die Farbe (Orange) passt ja einigermaßen und es würde Sinn machen, dass Wachen zur Kontrolle und Festnahme verdächtiger Individuen eine nur lähmende Waffen nutzen würden anstelle einer normalen Klinge. Dadurch, dass die Wachen ein Doppelschwert haben, kann die eine Klinge durch einen Kohlen-Kristall und die andere durch einen Kyber-Kristall (mit Farbe Orange) betrieben werden. eine derartige Konfiguration könnte auch den „Anti-Jedi-Schilden“ vorbeugen.

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