Rezension: The Star Wars Archives: Episode I-III von Paul Duncan

Unser Gastrezensent Phil schaut sich heute für euch den archivarischen Prachtband zur Prequel-Trilogie an, der Ende 2020 bei TASCHEN auf Englisch erschienen ist und bereits im Frühjahr auf Deutsch folgen wird. Ihr könnt Phil auch auf Instagram finden, wo er Fotos seiner Sammlung postet.

Die Grundlagen: „Jetzt auch noch TASCHEN?!“ war die nachvollziehbare Kommentierung bei der Ankündigung des ersten The Star Wars Archives: Episodes IV-VI im Jahre 2018. Die Sorge, ob Taschen für den üppigen Preis von 150 € (es gibt inzwischen eine Sonderausgabe im kleinen Format für 20 €) ausreichend Neues bringen kann, war anhand der Vielzahl von verfügbaren Sachbüchern insbesondere zur Original Trilogy durchaus angebracht. Aber, inzwischen wissen wir: die Sorge war unberechtigt. Nicht nur die Aufmachung war Taschen-typisch opulent. Man hat es darüber hinaus tatsächlich geschafft, auch noch eine Menge Neues zu liefern und zu zeigen. Das gilt auch für Interessierte, die bereits zu allen Filmen die typischen Werke wie Making Ofs, The Art of-Bücher, Storyboards usw. im Regal stehen haben. Für alle anderen könnte das Buch sogar eine Art Standardwerk sein, denn selten oder noch nie wurden die einzelnen Elemente um die Entstehungsgeschichte der Filme derart gekonnt und beeindruckend arrangiert. Florians Review von damals gibt diesen Eindruck wieder.

The Star Wars Archives: Episodes I-III: 1999-2005 (Herbst 2020)
The Star Wars Archives: Episodes I-III: 1999-2005 (Herbst 2020)

Fakten zum zweiten Band: Entsprechend waren nun schon im Vorfeld keine Sorgen, sondern v.a. Vorfreude angebracht, denn wieder war ein großformatiges Buch mit 600+ Seiten und über 6 kg angekündigt: The Star Wars Archives: Episodes I-III. Erneut kommt das Buch in einem separaten Karton und ist mit festem Glitzereinband im Format 41 x 30 cm versehen. Das ist schon ein Auftritt auf dem Kaffeetisch, wo es vermutlich 99 % der sonstigen Star Wars-Bücher zumindest mit seiner Masse verdrängt – und vermutlich einen guten Teil auch inhaltlich (dazu später mehr). Einband, Druck und Papier genügen höchsten Anforderungen. Insbesondere die Konzeptzeichnungen springen einen teilweise aufgrund kräftiger Farben an. Das Team um Paul Duncan, der bei Taschen bereits u.a. das James Bond Archiv sowie zahlreiche weitere Filmbücher veröffentlich hat, konnte erneut in enger Kooperation mit George Lucas und Lucasfilm die Entstehungsgeschichte, die Turbulenzen, Hintergründe, Interviews usw. zu einem mitreißenden Puzzle verarbeiten. Aktuell ist die englischsprachige Version verfügbar. Die deutsche Ausgabe folgt im April, eine Neuauflage im günstigen Kleinformat im kommenden Jahr ist wahrscheinlich.

Ein Schwergewicht, auch inhaltlich: Wie auch im ersten Band entstand das Buch auf Tuchfühlung mit George Lucas und Lucasfilm. Auf diese Partner wird dann auch der Fokus gelegt – der Band verfolgt wie eine Art Produktionstagebuch die Entstehung der Trilogie. Dieser engen Zusammenarbeit haben wir vermutlich auch zu verdanken, dass es tatsächlich Neues gibt: neue Konzepte, neue Fotos, neue Meinungen und Stimmen der Verantwortlichen und Macher. Und ich wiederhole gern: Neues gibt es damit wie beim ersten Teil auch für die, die bereits alle Rinzlers, Making Ofs, Art Of Star Wars, Blaupausen usw. im Regal stehen haben – denn das trifft auch auf meine Bibliothek zu.

Aller Anfang ist… interessant: Lucas selbst fokussiert bereits im Vorwort (aus 1999) den Paradigmenwechsel, den das Filmemachen zu dieser Zeit vollzogen hat: weg von praktischen Effekten, hin zu Greenscreen, CGI und anderen damals noch neuen Methoden. Diese werden auch im Verlauf des Buches ausführlich beleuchtet, und in häufig neuen Interviews werden auch die Schwierigkeiten und Herausforderungen damit belegt. Uns allen ist bekannt, dass die Prequel-Trilogie in den Augen einiger auch wegen des vermehrten CGI-Einsatzes nicht so gut gealtert ist wie die klassische Trilogie. Aber: das Buch zeigt immer wieder erstaunliche viele Modelle, Miniaturen und Kulissen, die praktisch gebaut wurden – und tatsächlich Szenen zeigen, die viele für CGI halten würden. Beeindruckend, was damals an Handwerkskunst aufgefahren wurde. Dazu später mehr.

Die Special Editions als Brücke: Bevor jeder der drei Filme ein eigenes, umfangreiches Kapitel bekommt, befasst man sich kurz mit der vielgescholtenen Special Edition der Original Trilogy. Einen Diskurs dazu möchte ich hier vermeiden – dennoch ist es interessant, hier von Lucas und auch den Produzenten und SFX-Leuten ihre Sicht der Dinge zu lesen.

Anschließend hat man 550 Seiten für die drei Filme der Trilogie vor sich. Interessant ist, dass direkt am Anfang durch alte Aussagen von Pressekonferenzen und Interviews belegt wird, dass Lucas nach dem Motto „Begin with the End in Mind“ gearbeitet hat: Durch anschließende aktuelle Interviews, die Duncan mit Lucas selbst geführt hat, wird z.B. aufgezeigt, wie konkret Lucas‘ Idee zu zentralen Handlungsbögen und Charakterentwicklungen bereits in den 80ern war, um sie dann in den 90ern auf Film zu bannen. Immer wieder gibt es Zeitdokumente aus den verschiedenen Epochen der Entstehung der Trilogie, die zu einer schlüssigen Entstehungsgeschichte bis ins Heute verbunden werden. Dabei hilft, dass der Redeanteil von Lucas selbst zwar nennenswert ist, aber immer wieder auch Produzenten, Autoren, Designer, Kulissenbauer, SFX-Supervisors, Modellbauer usw. zur Sprache kommen. Viele namhafte Menschen hinter den Kulissen, wie Rick McCallum (Produzent), Doug Chiang (Illustrator und SFX-Supervisor), Ryan Church (Konzeptzeichner) oder Ben Burtt (Technik und Sounddesign) tauchen über das Buch verteilt wiederholt auf. Auch viele bekannte Prominente wie John Williams oder Frank Oz kommen zu Wort. Hier und dort sind es auch die Schauspieler selbst, die vom Set berichten oder über ihre Charaktere philosophieren. Christopher Lee, Hayden Christiansen, Natalie Portman, Ian McDiarmid, Liam Neeson u.a. ergänzen den Blick hinter die Kulissen. Der Detailgrad, der dadurch geboten wird, ist außergewöhnlich: teilweise werden einzelne Einstellungen, Szenen, Kulissen detailliert erläutert, inklusive der Herausforderungen beim Dreh, im Zusammenspiel mit der Post Production, und vielem mehr. Auch die Herausforderung, Lucas‘ Ideen und Anspruch gerecht zu werden, kommt zur Sprache. Wer z.B. schon immer wissen wollte, wie schwierig es war, Utapau einen passenden Look zu verleihen: hier erfahrt ihr es aus erster Hand, vom Entwurf bis zum letzten Pinselstrich.

Hier und dort wirkt die Erzählweise dadurch etwas sprunghaft. Lauscht man gerade einem Drehbuchautor, folgt auf der nächsten Seite ein Designer, direkt danach ein Produzent und dann ein Modellbauer. Gewöhnt man sich aber an diese Collage, kommt man mit der Dramaturgie des Buches sehr gut zurecht. Ein klarer Vorteil davon ist zudem, dass man immer wieder mal eine Seite aufschlagen kann, um ein wenig zu einem Set oder einer Szene zu erfahren.

Die Prequels und die Fans: Natürlich ist jedem Star Wars-Fan bewusst, dass es nach der klassischen Trilogie in dieser Prequel-Trilogie mit Kontroversen begonnen hat. Die Auseinandersetzung zur Qualität der Filme sollten wir uns her aber sparen, und stattdessen anerkennen, dass sie Teil des Kanons sind und bleiben, und eine Menge Inhalt für so ein Buch liefern. Da war zum einen die Herausforderung, sich mit CGI-Kulissen und Charakteren zu arrangieren – in einer Zeit, wo das noch längst nicht allgegenwärtig war. Darüber hinaus hat Lucas, anders als in Disneys Sequel-Trilogie, eine radikal andere Designsprache gewählt. Jeder Schauplatz, jedes Schiff, jeder Charakter waren neu. Teilweise waren die dem 90er-Jahre-Zeitgeist geschuldet, teilweise hat man sich auch in vielen Bereichen einer retrofuturistischen Designsprache bedient, welche das Buch an vielen Stellen beeindruckend präsentiert und so einen angenehmen Kontrast zu den klassischen Formen aus dem ersten Band über die Originaltrilogie bietet. Das gefiel damals nicht jedem, weil es mit Gewohnheiten brach. Ich denke aber, dass es in der Rückschau umso wichtiger war, neue Akzente zu setzen, und viele Elemente heute tatsächlich besser wirken als damals.

Zeichner, Modellbauer, Schreiner, Elektriker: insbesondere hier hilft dem Buch der tiefe Einblick, den Duncan erhalten hat. Das Buch ist beinahe eine Hommage an das Handwerk, ob nun digital oder praktisch. Unmengen an Konzeptzeichnungen, Computergrafiken, Setfotos, Screencaps, Storyboards, Kulissen, Modellen usw. wird der Großteil des Buches eingeräumt, flankiert durch Interviews und Text der Verantwortlichen, die über ihre Visionen, Werkzeuge, Motivation und auch mal Probleme und Herausforderungen sprechen. Jedes Bild ist indiziert und wird mit Begleittexten flankiert, die ausreichend Kontext schaffen, teilweise in nie dagewesener Tiefe.

Auch hervorzuheben ist die Menge an praktischen Modellen und Kulissen, die verwendet wurde. Immer wieder wurde Lucas wegen CGI-Exzessen kritisiert. Dabei sind teilweise Sets und Modelle gebaut worden, die unglaublich detailliert und komplex waren. Ganze Sets wie das Podracing auf Tatooine, Theed auf Naboo, die Bäume auf Kashyyyk oder Utapau wurden praktisch gebaut, teilweise in beeindruckendem Maßstab und Detailgrad, den man selten antrifft. Zwar wurden in der Postproduktion dann immer wieder auch CGI-Effekte ergänzt; im Kern war die Prequel-Trilogie aber deutlich praktischer und handwerklicher als vielen bewusst ist.

Am Ende ist alles gut. Nunja, außer für Anakin. Unabhängig der Kritik zu den Filmen selbst wird jeder Star Wars-Fan anerkennen, dass Lucas‘ Unterfangen der Prequel-Trilogie unglaublich ambitioniert war. Vielleicht heilt das Buch sogar manchen Ärger über die Filme, wenn man sich Mühen und Motivation dahinter anschaut, zum Beispiel im Bezug auf die Unmengen an gebauten Kulissen und Modellen sowie der facettenreichen Gedankenwelt von Lucas‘ zu den Charakteren und der Story. Auch gibt es dadurch hier und dort neue Eindrücke und Erkenntnisse zum Kanon selbst.

Unterm Strich hat es TASCHEN geschafft, durch die tiefen Einblicke, durch neue Informationen und durch die Verbindung von Bekanntem eine Art Standardwerk zu schaffen. Wer nicht bereits alle The Art of Star Wars, die Making-Of-Bücher, Storyboards usw. im Regal hat, findet mit The Star Wars Archives: Episodes I-III die perfekte Symbiose aus all diesen Titeln. Und wer diese Bücher bereits alle besitzt, findet dennoch genug Neues und dazu die opulenteste Aufmachung überhaupt, um den Kauf trotz des hohen Preises zu rechtfertigen. Jetzt heißt es: warten und hoffen auf das Star Wars Archives der Sequel-Trilogie und vielleicht einem vierten Star Wars Archives-Band zu The Clone Wars, Solo, Rogue One und The Mandalorian.

4 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Review! (Und geschicktes Outsourcing betrieben, Florian ;-))
    Ich war anfangs skeptisch, ob das Buch aufgrund des hohen CGI-Einsatzes nur aus viel grüner Wand sowie Artworks besteht, aber sieht ja erstmal ganz gut aus.
    Und ich hoffe, dass das Werk erfolgreich genug wird, um sich in den Moloch der Sequels zu begeben. Da sind bestimmt tolle Fotografien zu heben. Vermutlich muss hier aber noch etwas Gras über alles wachsen, damit das Buch nicht nur aus Marketing-Blabla besteht, sondern auch (relativ) offen über die Widrigkeiten und das Fehlen eines großen Plans gesprochen wird. Wobei, wer da wohl interviewt werden sollte? Kennedy? Eieiei 🙂

    1. Danke für die netten Worte. Bzgl. Outsourcing: ich hatte mich fast aufgedrängt beim Florian, insofern auch meine Schuld. 😉

      Bzgl. der Sequel Trilogy sehe ich einem Buch freudig entgegen, eben weil es so viel Durcheinander und Turbulenzen gab, die hoffentlich ehrlich bewertet werden. Auch Kennedy sollte eine gewichtige Rolle zukommen, ohne dass ich ihr Wirken nun hier bewerten möchte weils immer zu endlosen Diskussionen führt. 🙂

  2. Das Buch ist die Wucht, ich nenne es glücklicherweise bereits mein Eigen und bin sehr stolz und zufrieden, dieses Buch zu besitzen. Danke für die Review, hatte endlich Zeit, sie in ruhe zu lesen.

    Was mich immer wieder erstaunt ist, dass die Narrative bzgl. der Machart der Prequels immer noch ist: alles CGI. Dabei ist die PT die wohl am ehrlichsten und besten dokumentierte der 3 Trilogien. Schon auf den DvDs sah man in zahlreichen Behind the Scenes Videos, was für eine Mamutaufgabe die Produktion der Filme war und wie sehr die Argumentation des reinen CGI Einsatzes falsch war. Schon damals gab es von vielen Leuten aus dem Produktionsteam die Informationen bzgl. des Einsatzes von Modellen, Miniaturen und praktischen Sets. Leider hat sich LFL selber der negativen Narrative bedient bzw. davon beeinflussen lassen, und vor allem beim TFA Marketing versucht, den neuen Film als anders produziert darzustellen (was im Nachgang nachweislich nicht der Fall war).

    Alles in Allem gönne ich es den Prequels und Lucas, dass sie auch mit diesem Buch weiter gewürdigt und gewertschätzt werden. Die Filme sind das SW meiner Kindheit und ich liebe sie!

Schreibe einen Kommentar