Interview: Marvel-Redakteur spricht über Herausforderungen bei der Arbeit mit Lucasfilm

Als Marvel im Jahr 2015 wieder die Lizenz für Star Wars-Comics bekam, mussten zwei Giganten der Branche, Lucasfilm und Marvel, lernen zusammenzuarbeiten. Wie dabei unterschiedliche Philosophien und Einstellungen zum Erzählen von Geschichten aufeinanderprallten, verrät nun erstmals Marvel-Redakteur Jordan D. White im Interview mit IGN, welches wir für euch in voller Länge übersetzt haben.

IGN: Als Marvel 2015 begann, Star Wars-Comics zu publizieren, was war da die übergreifende Philosophie und Leitlinie? Und seid ihr dabei geblieben oder habt ihr entschieden, stärker davon abzuweichen?

Jordan White: Unsere Grundidee beinhaltete zweierlei: Wir wollten Comics produzieren, die sich so gut wie möglich anfühlen, als würde man die Filme schauen, die das aber auf die Marvel-Art tun. Wir sind sicher dabei geblieben, dass sie sich so gut wie möglich nach den Filmen anfühlen. Aber wir drängen vielleicht nicht mehr so sehr auf die exakten Marvel-Prozesse, weil wir uns mehr an die Arbeitsweise von Lucasfilm angepasst haben. Marvel und Lucasfilm haben sehr unterschiedliche Philosophien, wenn es darum geht, wie Ideen für Geschichten gefunden werden und besonders wie man an die Continuity herangeht. Als wir also begannen, sagten wir: „Also, das ist unsere Art zu arbeiten“ und sie meinten: „Oh, interessant!“ Und mit der Zeit haben beide Seiten gelernt, wie der andere es macht, und wir haben einen Weg gefunden, der für uns beide funktioniert.

Weil der Ausgangspunkt ihrer Geschichten und ihrer Continuity die Filme sind, sind sie auf eine Art in der Realität des Filmemachens verwurzelt, die uns fremd ist, da unser Ausgangspunkt die Comics sind. Was meine ich damit? Das einfachste Beispiel ist, dass Schauspieler altern. Wenn man also einen neuen Star Wars-Film machen will, der 40 Jahre nach dem originalen Star Wars-Film spielt, muss derjenige, der Luke Skywalker spielt, entweder ein anderer Darsteller sein oder er muss beträchtlich älter sein. Wohingegen wir Comics über Spiderman machen können, in denen er fast im gleichen Alter wie zuvor ist. Also, er ist nicht mehr in der High School, ist also ein wenig gealtert, aber er ist natürlich noch fast im gleichen Alten wie vor 40 Jahren. Wir können also unendlich viele Geschichten in einer Zeitspanne erzählen, während sie [bei Lucasfilm] mehr darauf aus sind, eine neue Timeline zu kreieren und zu füllen.

Außerdem muss man noch beachten, dass ihre Geschichten zu verschiedenen Zeitpunkten in der Timeline stattfinden. Es gibt keine Gegenwart von Star Wars, außer vielleicht, wenn man die aktuelle Trilogie als Gegenwart betrachten will. Aber dann schaut man sich an, welche anderen Filme gerade erschienen sind. Rogue One ist gerade erschienen und der Film spielt früher. Solo wird bald herauskommen und der spielt früher. Sie springen in der Timeline herum und erzählen querbeet Geschichten. Das Geschichtenerzählen bei Marvel findet meistens im Jetzt statt. Natürlich haben wir Flashback-Geschichten, aber der Großteil unserer Veröffentlichungen spielt im Jetzt. Und wir haben diese Philosphie definitiv in Star Wars eingebracht. Deshalb entschieden wir, als wir die Reihe begannen, dass der Großteil der Geschichten, die wir erzählen, im „Jetzt“ spielen würde. Wir würden uns auf ein „Jetzt“ einigen und dabei bleiben. Und das haben wir bis jetzt bis zu einem gewissen Grad getan, wenn auch nicht komplett durch die Bank.

Was es schwieriger macht, sind Dinge wie ein Crossover. Wenn wir ein X-Men-Crossover haben wollen, dann spielen alle X-Men-Comics jetzt und wir müssen und keine Sorgen machen. Es ist einfach: Sie treffen sich alle an einem Ort und sie kämpfen. Wenn wir das bei Star Wars tun wollen, wird es ziemlich schwierig, denn wie willst du ein Crossover zwischen Darth Vader und Poe Dameron machen? Das funktioniert irgendwie nicht. Und wenn man es trotzdem machen will, wird es eine ganz andere Art von Crossover werden. Wir haben über so etwas auch nachgedacht, aber es braucht definitiv einen Wandel der Philosophie, von der wir ausgegangen sind.

Nachdem Marvel das Offensichtlichste getan hatte, habt ihr angefangen, auch Comics zu Mace Windu während der Klonkriege zu machen oder auch Dinge, die ich nicht erwartet hätte, zum Beispiel einen mit Obi-Wan und Anakin nach Episode I. Wie entscheidet ihr, was der nächste Star Wars-Comic sein wird?

White: Das kann auf alle möglichen Weisen entschieden werden. Aktuell haben wir bereits einige Miniserien gemacht. Bei manchen haben uns Autoren Ideen für eine Figur vorgeschlagen. Das läuft dann so ab, dass wir wissen, dass wir mit diesem Autor arbeiten möchten, und dieser dann sowas sagt wie: „Ich hätte da eine Idee für diese Figur.“ Bei anderen haben wir, das Marvel-Redaktionsteam, beschlossen, was wir tun wollen, und dann einen Autor gesucht und die Idee Lucasfilm unterbreitet. In anderen Fällen hat Lucasfilm uns darauf angesprochen, dass es gerade sinnvoll wäre, dieses oder jenes zu tun um an diesen Film oder jenes Videospiel oder jene Fernsehserie anzuknüpfen. Und wir sagten dann natürlich. „Ja, klar, absolut, machen wir.“ Die Ideen kommen also von überall.

Was ist der entscheidende Faktor dafür, ob es eine fortlaufende Reihe oder eine Miniserie wird? Als enthüllt wurde, dass Poe Damerons Comic eine fortlaufende Reihe sein würde, hat das manche Leute verdutzt. Es war eine Überraschung, eine solche Reihe über eine der Hauptfiguren einer noch nicht abgeschlossenen Trilogie zu bekommen.

White: Diese Frage zu beantworten ist kompliziert. Ich habe bereits die philosophischen Differenzen zwischen Marvel und Lucasfilm angesprochen. Eine fortlaufende Comicreihe war etwas, das ihrer Denkweise ziemlich fremd ist. Wenn wir bei Marvel bei einem regulären Marvel-Comic beschließen, dass wir eine fortlaufende Reihe starten möchten, dann läuft das von der Grundidee her so ab, dass wir eine Geschichte beginnen, die nie zu Ende erzählt sein wird. Selbst wenn wir Ausgabe #20.000 erreichen, werden wir immer noch weitermachen.

Poe Dameron #1 (April 2016)

Poe Dameron #1 (06.04.2016)

Das ist das genaue Gegenteil von Lucasfilms Mentalität, wie gesagt, denn sie haben eine fixe Timeline und sagen dann: „Okay, hier ist der Zeitabschnitt für eure Geschichte und diesen Rahmen dürft ihr nicht verlassen.“ Ich will sie nicht wie Lehrer darstellen, die uns disziplinieren oder so. Es ist einfach eine andere Sichtweise, denn sie springen hin und her durch ihre Timeline. Dieser Film spielt hier. Und er wird diese Geschichte erzählen und dort beginnen und da enden. Diese TV-Serie wird hier spielen und sie wird dasselbe tun. Als wir also erstmals begannen, fortlaufende Reihen vorzuschlagen, waren sie von dieser Idee… ich will nicht befremdet sagen, aber sie haben die Dinge jedenfalls nicht so betrachtet. Sie haben nie gesagt: „Klar, hier ist ein Zeitraum, in dem ihr einfach endlos Geschichten erzählen könnt.“ Sie haben es definitiv lieber, wenn wir ihnen mit einer Geschichte ankommen, die wir über eine bestimmte Anzahl an Heften erzählen wollen, selbst wenn das eine große Anzahl ist. Sie haben es auf jeden Fall lieber, dass es irgendwo eine Art Endpunkt gibt.

Was entscheidet, ob es eine fortlaufende Reihe wird, ist die Anzahl der Ausgaben, über die hinweg wir eine Geschichte zu erzählen gedenken. Die erste Darth Vader-Reihe hatte glaub ich 25 und ich denke, das ist genug, um als fortlaufend zu gelten. Sie lief mehrere Jahre. Ich schätze, man könnte sie als Maxiserie bezeichnen, wenn man wirklich möchte, aber es ist wirklich einfach eine fortlaufende Reihe. Star Wars ist etwas anders, da es eine Flaggschiffserie ist und wir haben beschlossen, dass wir sie so lange wie möglich am Laufen halten werden. Bei Poe wollten alle Beteiligten, sowohl Lucasfilm als auch Marvel, Geschichten erzählen, die in irgendeiner Form mit der neuen Trilogie zu tun hatten. Nun, da Die letzten Jedi raus ist, kann ich wohl etwas offener über manche Dinge reden als zuvor. Hier ein Spoiler für den Beginn von Die letzten Jedi! Die Tatsache, dass Die letzten Jedi direkt nach Das Erwachen der Macht spielt, bedeutete, dass wir keine Geschichten zwischen den Filmen erzählen konnten.

Die aktuelle Star Wars-Serie spielt zwischen Eine neue Hoffnung und Imperium und es gab die Annahme, dass die Serie letztendlich diesen Zeitraum abschließen und sich der Zeit zwischen Imperium und Die Rückkehr der Jediritter zuwenden wird. Können sich Fans darauf einstellen, dass das passieren wird?

White: Da stehen die Chancen so 50:50. Definitiv werden wir irgendwann diese Zeitspanne verlassen müssen. Das ist wieder die Lucasfilm-Philosophie gegen die Marvel-Philosophie, denn, wie ich schon sagte, kann man unendlich viele Spider-Man-Geschichten erzählen und sagen: „Wisst ihr was? Er hat noch nicht mal seinen dreißigsten Geburtstag erreicht!“ Er wird ihn vielleicht nie erreichen. Außer vielleicht in einigen seltsamen Seitengeschichten. Wir können unendlich viele Geschichten erzählen, die alle zwischen 15 und 25 stattfinden. Auf dieser Ebene will ich also sagen können: Nein, wir können einfach für immer Geschichten in diesem gesetzten Zeitraum erzählen. Im echten Leben können wir das nicht. Wir werden definitiv aufhören müssen, Geschichten in dieser Zeit zu erzählen. Ob direkt danach dann Geschichten zwischen Imperium und Die Rückkehr der Jedi-Ritter kommen oder nicht, das steht noch in den Wolken. Ich denke, wir werden tun, was das Beste ist. Ich würde gerne in eine andere Zeitspanne wechseln, aber ich weiß nicht, ob wir das letztendlich tun werden. Denn wer weiß, zu der Zeit wird es dann vielleicht besser sein, sich in die Zeit nach Die Rückkehr der Jedi-Ritter zu bewegen. Es wird vielleicht besser sein, sich darauf zu konzentrieren, ich meine, wer weiß, wann das sein wird? Dann werden wir uns vielleicht schon auf Geschichten nach Episode XII konzentrieren müssen.

Wie fandet ihr die Einblicke in die Zusammenarbeit zwischen Marvel und Lucasfilm?

Florian hat bei der Übersetzung des Interviews mitgearbeitet.

Über den Autor

Ines

Ines
Ines bildet im echten Leben zahlreiche Padawan-Schüler an einem Gymnasium in den Fächern Englisch und Deutsch aus. Star Wars konsumiert sie am allerliebsten in Romanform und hat sich zum Ziel gesetzt, sämtliche Romane des Kanons zu lesen. Bereits jetzt ist sie begeistertes Claudia-Gray-Fangirl.

3 Kommentare

  1. Loener

    Danke, interessantes Interview

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  2. MatthiasMatthias

    Immer wieder interessant, was ihr so an Beiträgen zusammentragt, Danke!

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  3. My-Cal

    Nicht ganz unkluge Entscheidung, Poe Dameron als fortlaufende Reihe zu planen. Poe ist ein „neutraler“ Charakter der ST, also kein Machtnutzer und somit können um den Top-Piloten eine Menge Geschichten auch ohne Jedi oder andere Machtnutzer erzählt werden. Infomationstechnisch gehören für mich die ersten PD Comics zu den besseren des Kanons, speziell was den Aufstieg der Ersten Ordnung betrifft. Danke für die Übersetzung!

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