ND-5 war der Sieger der Herzen und auch ein wenig der Coolness. Im Videospiel Star Wars Outlaws begleitete er Kay Vess durch die Story, half ihr und freundete sich sogar mit ihr an. Eine ähnliche Beziehung hatte er aber bereits Jahre zuvor zu Jaylen Vrax und genau um diese geht es im Prequel-Roman Low Red Moon von Mike Chen, welcher jetzt bei Panini auf Deutsch erschienen ist.
Ist das schon toxisch?

Der Roman beginnt ganz nach meinem Geschmack: Mit reichen, verwöhnten Eliten, die sich im neuen Spannungsfeld zwischen Republik und Imperium zurechtfinden und natürlich Leichen im Keller verstecken. Die Brüder Sliro und Jaylen Barsha sind einander gegenüber immer loyal, aber die Eltern verstoßen Sliro, da er nur ein halber Barsha ist. Im Schnelldurchlauf zeigt uns Mike Chen die Jahre der beiden: vom Kindesalter mit ungerecht verteilten Plüschtierpopulationen bis zu ungleich verteilten Führungspositionen als Erwachsene. Nicht immer elegant oder subtil, dafür eindrücklich.
Doch Jaylen Vrax ist im Videospiel kein reicher Industrieller, sondern ein Unterwelt-Dealer. Der Twist, wie es dazu kommt, gelingt Mike Chen sehr gut. Hier kommt auch ND-5 ins Spiel. Die beiden haben von Beginn an eine spannende Beziehung, die immer wieder zwischen Vertrauen und – aus anfangs einem gewichtigen Grund – Misstrauen wechselt. Die Szene im Familienanwesen auf Gus Treta und die Kühle, die ND-5s Perspektive dabei transportiert, ist eines der Highlights im Roman.
Mike Chen schafft es im Verlauf des Romans, die eigentlich freundschaftliche Beziehung immer mehr zu kontextualisieren und damit Jaylen Vrax immer mehr zum Antagonisten zu machen. Er nutzt ND-5 im Videospiel bekanntlich nur aus, was hier Schritt für Schritt etabliert wird. Anfangs nachvollziehbar, später wohl eher dahingehend, was Hobby-Psychologen auf Instagram als „toxisch“ bezeichnen würden.
Mit den Augen eines Droiden
Eine Besonderheit des Romans ist der bereits angesprochene Point of View von ND-5. Aus der Sicht des Kommandodroiden erleben wir große Teile der Handlung. Dabei gibt es die bekannten Droide-tut-menschliche-Dinge-und-das-ist-witzig-Kapitel, aber auch Kapitel, in denen wir hautnah erleben, wie sich Vergessen anfühlt, wenn man eigentlich weiß, was man vergessen hat.
Das klingt zunächst kryptisch, ist aber eines der spannendsten Aspekte. Durch eine Verwundung und einen Haltebolzen sind einige Daten in ND-5s Speicher gesperrt. Er weiß das, er weiß auch, dass er weiß, was in diesen Daten steht, er kann aber nicht darauf zugreifen. Das betrübt ihn und führt für ihn dazu, dass er immer wieder versucht, diese Antworten zu bekommen; repariert zu werden.

Ich habe mir beim Lesen sehr oft gedacht, wie spannend diese Art von Kapitel in einem Roman über Demenz wäre. Denn genau so ist es bei Demenzerkrankungen auch. Die Betroffenen wissen meist, dass sie etwas wissen müssten, können aber nicht mehr darauf zurückgreifen oder sich daran erinnern. Mir ist kein Werk bekannt, wo das bereits so gehandhabt worden wäre, und falls es eines gibt, würde ich das sehr gerne lesen.
Das Problem mit der Spannung
Das größte Problem des Romans ist seine Rahmenhandlung und die Frage, was zuerst kam. Der Roman spielt die komplette Zeit mit einem „Mysterium“ und der Suche nach Antworten, auf die jeder Leser sofort die Antwort kennt. Und zwar direkt zu Beginn des Werks. Das trifft vor allem auf jene zu, die das Videospiel gespielt haben.
Aber auch Leser, die blind in das Werk hineingehen, werden nicht überrascht. Die Frage „Who done it?“ beantwortet sich einfach zu leicht. Ich würde sogar jenen, die vorhaben das Spiel noch zu spielen, raten, den Roman erst danach zu lesen. Denn der Twist wird im Videospiel wesentlich länger aufgebaut und funktioniert am Ende als solcher. Diesen würde man sich mit dem Roman nur vorwegnehmen. Es gibt wohl einen Grund, warum das Werk zwei Jahre nach dem Spiel erschien und nicht – wie bei Kampfnarben einst – zwischen Jedi: Fallen Order und Jedi: Survivor. Der Roman ist also per Definition ein Prequel-Roman, sollte aber erst nach dem Spielen des Videospiels gelesen werden.
Doch auch wenn die Rahmenhandlung nicht den Spannungs- und Innovationspreis des Jahres 2026 gewinnt, so ist der Weg hier im wahrsten Sinne des Wortes das Ziel. Die Interaktionen zwischen ND-5 und seiner Umwelt und auch zwischen ND und Jaylen sind gut geschrieben. Die Nebenfiguren passen sich perfekt ein und bereiten auch die Videospiel-Landschaft vor. Oft stört jedoch, dass der Handlungsantrieb nur das Lösen des Geheimnisses ist, welches für uns Leser längst keines mehr ist. Manchmal fragte ich mich auch, ob Jaylen vielleicht nicht doch etwas zu naiv war, wenn alle Leser den „Bösen“ kennen, nur er ihn nicht sehen will.
Vielleicht hätte es geholfen, den Fokus nicht zu sehr auf die Suche nach dem Verantwortlichen zu setzen. Aus dem Videospiel wissen wir zum Beispiel, dass ND-5 so etwas wie eine posttraumatische Störung als Folge der Klonkriege hat. Wieso also nicht zeigen, woher diese kam? Der Aspekt hat mir gefehlt, was aber daran liegt, dass ich diesen Aspekt in meiner Story-Rezension und beim Spielen als besonders innovativ und spannend wahrgenommen habe.
Fazit
Es ist schwer, viel über Low Red Moon zu sagen, ohne den Twist, der für die meisten keiner sein wird, aber vielleicht ja doch als Spoiler zählen könnte, vorwegzunehmen. Es ist aber leicht, eine Empfehlung für das Werk auszusprechen, wenn man das Videospiel gespielt hat. Es klammert sich nicht an Kay Vess, die im Spiel genug Aufmerksamkeit hat, sondern an wichtige Nebenfiguren und baut vor allem für das große Finale des Spiels, wo genug Wendungen und Erklärungen auf uns eingeprasselt sind, eine nachträgliche und solide Basis. Hier und da fehlt etwas die Spannung, weshalb ein Fokus auf andere Aspekte der Vergangenheit der Figuren nicht schlecht gewesen wäre, aber der Weg mit Jaylen und ND macht trotzdem sehr viel Spaß.
Wir danken Panini für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.










