Rezension: Reign of the Empire: Edge of the Abyss ist ein Gesamtkunstwerk

Am 15. September erschien bei Random House Worlds der zweite Teil der Reign of the Empire-Trilogie. Nachdem Alexander Freed im vergangenen Jahr mit The Mask of Fear den Anfang gemacht hat, setzt nun Rebecca Roanhorse die Reihe mit Edge of the Abyss fort. In der Galaxis sind seit der Gründung des Imperiums 13 Jahre vergangen und die Figuren, die wir im ersten Teil dabei begleitet haben, wie sie mit veränderten Vorzeichen ihre verschiedenen Kämpfe fortsetzen, sind nun erfahrener, mutiger und auch sehr oft desillusionierter. Weshalb Edge of the Abyss ein noch besseres Gesamtkunstwerk ist als The Mask of Fear und was die Abwesenheit von militärischer Perspektive damit zu tun hat.

13 Jahre klüger

Es sind viele Jahre vergangenen, seit Mon Mothma, Bail Organa und Saw Gerrera in The Mask of Fear ihr Abkommen geschlossen haben. Der Kampf hat sich für die drei Figuren ganz individuell fortgesetzt. Roanhorse schafft es dabei perfekt, einen Mittelweg zwischen Exposition und vorausgesetztem Wissen zu finden. Sie erklärt nicht zu viel aus dem vorherigen Band, sondern baut lieber mit Querverweisen logisch darauf auf.

Bail Organa beispielsweise hat seinen Idealismus gegen eine stärkere Beteiligung an Widerstandsoperationen eingetauscht. Die Jedi sind Geschichte, er kann sie nicht mehr retten. Er ist weiterhin der Menschenfreund und Kommunikator, was ihm im Senat auch Respekt eingebracht hat. Aber er nutzt diese Fähigkeiten nun anders. Währenddessen ist Mon Mothma Mutter geworden und schlägt sich mit einer Tochter herum, die wir ein Jahr später in Andor ebenfalls kennenlernen werden. Gerade der Kontrast zwischen Leida und Leia – die auch einige kurze Auftritte im Buch hat – zeigen deutlich, wie verschieden die Jugend auf die neue Ordnung schaut – zum Leidwesen Mothmas und zur Freude der Organas.

Ansonsten zeichnet Roanhorse ein komplexes Bild einer weiter gefestigten Machtstruktur. Aber eben nicht durch Paraden von Sturmtruppen oder Massenexekutionen. Nicht durch Auftritte von Vader oder Machtdemonstrationen wie die von Mas Amedda am Ende von The Mask of Fear. Sondern im Stil eines Polit-Krimis mit Anmerkungen zu immer schärferer Gesetzgebung. So werden selbst kleinste Vergehen zwangsweise vor Gericht verhandelt und meist entsprechend schwer geahndet. Lokale Gerichte verlieren ihre Zuständigkeiten und wo die Galaxis nicht hinschaut, regieren Willkür und Folter in den Einrichtungen. Wir sehen eine Form davon später auf Narkina 5 in Andor, im Roman besuchen wir jetzt bereits eine Einrichtung ohne Tageslicht in den Tiefen von Oovo 4.

Alle schauen auf Saw

Eine große Änderung ist, dass Saw Gerrera dieses Mal selbst einer der zahlreichen Point-of-View-Charaktere des Romans ist. Im ersten Teil wurde der Blick auf Saw stark von Soujen geprägt, dieses Mal dürfen wir selbst in den Kopf des Partisanen schauen. Dass dies der Fall sein wird, wurde schon beim Cover des Werkes klar, bei dem Saw deutlich im Zentrum all der anderen Figuren steht.

Und das löst das Werk auch ein. Es gibt zwar vergleichsweise wenige Szenen aus seiner Sicht, aber die komplette Handlung zirkuliert um ihn herum. Alle Figuren, die in diesem Roman handeln, hatten mit ihm zu tun oder sind indirekt durch seine Handlungen betroffen. Alles nimmt seinen Anfang mit einem Massaker auf Inusagi, für das er verantwortlich ist. Hier schafft es Roanhorse perfekt, dieses Massaker als gegeben hinzustellen und damit auf dem Roman Jyn, die Rebellin von Beth Revis aufzubauen. Denn die Autorin will uns erzählen, was danach geschieht, wie ein solches eigentlich alltägliches Ereignis für die Partisanen beziehungsweise im Endeffekt ein nicht abgefeuerter Schuss, zahlreiche Rädchen in Bewegung setzen kann, die am Ende den Weg dieses noch unsicheren Widerstands beeinflussen.

Das schafft sie, indem Saw zum Staatsfeind Nummer 1 erkoren wird, der er am Ende vom ersten Band bereits einmal war, weil er Eyo-Dajuritz zerstört hatte. Saw nimmt die öffentliche Rolle ein und ist ironischerweise dadurch die Figur, die am meisten im Schatten bleiben muss. Bei Mon und Bail ist es genau andersherum. Saw steht an der Front, er trägt seine Geister mit sich herum und das zeigt uns Roanhorse durch wenige Szenen meisterhaft. Auch der Rückgriff auf den Verlust seiner Schwester in der Serie The Clone Wars und seines Planeten nach dem Ende der Republik, funktionieren hervorragend – und bedingen umso mehr einen Point-of-View von Saw, der mit zu den stärksten des Buches gehört. Denn die Autorin schafft es seinen Weg abseits der späteren, großen Allianz hervorragend herzuleiten und zu begründen; und zwar so, dass ich Saw das erste Mal wirklich verstehen und bemitleiden kann.

Die Jugend als Schlüssel

Wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Ich habe es extra nicht als Zitat eingefügt, da es nicht verbrieft Bonaparte zugeschrieben werden kann. Aber die Aussage stimmt. Egal welches Regime in der Geschichte, der Weg über die Jugend war der, der eine frühe Indoktrination zuverlässig mit einem Wir-Gefühl verbunden hat – in unserer Vergangenheit etwa bei der Hitlerjugend oder später im DDR-Regime den Jungpionieren zu sehen. Während Erwachsene sich noch als Zeitzeugen an die „besseren“ Zeiten erinnern können, müssen die Kinder es glauben und da überwiegt nun mal die stärke Erzählung.

Rebecca Roanhorse setzt dieses Thema als einen starken Akzent in die Mitte ihres Romans. Es ist auch die perfekte Zeit dafür. Denn die ersten Kinder kommen ins indoktrinierbare Alter – unter anderem Mons Tochter Leida. Während sie also darum kämpft, dass die Werte und Erfolge der Republik nicht vergessen und am besten zurückerkämpft werden, quellt mitten in ihren vier Wänden die imperiale Ideologie. Und das sehr subtil aber effektiv durch Musik. Ich will hier gar nicht zu sehr ins Detail gehen, aber Roanhorse schreibt selbst die dafür verantwortliche Musikerin so pointiert, dass ein einfaches „sie ist böse und ein Maskottchen des Imperiums“ unfair wäre. Sie zeigt aber gleichzeitig, dass diese Propaganda auch bei den jungen Leuten nicht verfangen muss – es gibt weiterhin die Möglichkeit, im Sinne der Gerechtigkeit und Demokratie zu denken, es wird nur immer schwerer, weil entsprechende Vorbilder und Werte fehlen.

Gleichzeitig stehen auch noch eine Studierendenverbindung und eine bekannte Figur aus dem ersten Roman im Zentrum der Geschichte. Wir besuchen Ghorman, lernen studentischen Widerstand kennen und erfahren, wie subversive Taktiken des ISB angewendet werden – lange bevor Syril Karn eine ähnliche Aufgabe erfüllt. Bei Ghorman ist tatsächlich auch der einzige Kritikpunkt angesiedelt, den ich während des Lesens hatte. Und das keinesfalls inhaltlicher Natur oder im Umgang mit Figuren – selbst eine tolle Repräsentation in Gestalt des Studenten Fennro ist gegeben, der ursprünglich für das Videospiel Galaxy of Heroes entwickelt wurde. Meine Kritik bezieht sich darauf, dass das Ghorman-Massaker von Tarkin keine Rolle spielt, welches kurz nach Kriegsende auf der Palmo Plaza verübt wurde. Gerade der sehr lokal verwurzelte Fennro hätte das durchaus als Rechtfertigung für seine anti-imperiale Betätigung anführen können.

Ansonsten zeigt die Handlung auf Ghorman aber hervorragend, wie Protest entsteht, wie Protest – von beiden Seiten – radikalisiert werden kann und ist damit der perfekte Blueprint für die Handlung in Andor Staffel 2. Dadurch, dass auch emotional und zeitlich mehr Raum gegeben wird, um eine uns aus Band 1 bekannte Figur in diese Studienverbindung einzuschleusen, war die Auflösung und Tragweite auch spürbar stärker als Syril Karns Verrat einige Jahre später.

Ein perfekter Cast

Ihr merkt es vielleicht, es gibt kaum etwas Negatives an dem Roman zu sagen. Den Hauptgrund werde ich im nächsten Abschnitt erklären, aber fast genauso wichtig ist der starke Cast an Figuren. Keine Figur, kein Kapitel fühlt sich nach verschenkter Zeit an. Kein Kapitel wollte ich weniger gerne lesen als ein anderes. Neben den bekannten Figuren dürfen auch Nebenfiguren, oft für nur wenige Szenen, einmal die Hauptrolle spielen und wir verstehen sie damit direkt besser.

Sei es nun die erwähnte Musikerin, die dem Imperium einen Song schenkt, den sie gar nicht singen wollte. Oder ein desillusionierter, friedlicher Riese, der durch Saw Gerreras Handlungen auf Inusagi den falschen Schluss zieht und sich auf den bewaffneten Kampf ohne Plan einstimmt. Sei es die Widerstandskämpferin, die ein Zuhause weit weg von Blutbädern und einstürzenden Städten auf Eyo-Dajuritz gefunden hat und nun wieder hineingezogen wird in die Machenschaften von Gerrera. Da ist der Rechtsbeistand, der idealistisch wie eine junge Version von Bail Organa für Recht und Ordnung im Imperium kämpfen will und dabei droht ausgenutzt zu werden. Oder schließlich der, der alle Fäden in der Hand hält und nur kurz in Erscheinung tritt.

Während für mich in The Mask of Fear vor allem Soujens Kapitel mitsamt seiner militanten und engstirnigen Mission beim erneuten Lesen eher überspringbar waren, gab es dieses Gefühl in diesem Roman überhaupt nicht. Jede Figur hatte eine Rolle und sie spielten wie ein Zahnrad hervorragend ineinander. Fast als hätte eine wichtige Schlüsselfigur der frühen Rebellenallianz plötzlich seine Finger im Spiel – und zu Zeiten von The Mask of Fear noch nicht.

Stringenz und Komplexität

Damit dieser hervorragende Cast verfängt braucht es aber vor allem eine gute Handlung und die hat der Roman. Sie ist wesentlich chronologischer und zusammenhängender als noch im ersten Band. Sie ist aber auch noch etwas besser orchestriert. Denn alle Figuren haben in allen Handlungssträngen des Romans jeweils andere Interessen. Mon und Bail erleben nicht zusammen ein Abenteuer, während Saw und seine Crew etwas anderes durchmacht und am Ende trifft man sich mal. Nein, schon zu Beginn des Romans wird mit der Free Public Library auf Naboo, die als Koordinationspunkt der Rebellen dient deutlich, hier hängt alles zunehmend zusammen. Diese Bibliothek steht damit als Sinnbild für den Rest des Romans.

Denn natürlich hat Mon Mothma Angst, wenn eine Figur unter Folter zu viel verraten könnte, auch wenn sie bis dahin wenig mit dieser Figur zu tun hatte. Natürlich wird eine Kämpferin im Ruhestand ungeduldig, wenn ihre einst beste Freundin und Kameradin öffentlichkeitswirksam in Gefangenschaft gerät. Natürlich protestieren Studierende gegen verschärfte Gesetzgebung, die infolge des Inusagi Massakers zu Beginn des Romans eingeführt wird – obwohl sie selbst damit nichts zu tun haben. Fast selbstverständlich ist Bail Organa daran interessiert, welche Musik seine Tochter hört und welche Rechtsbeihilfe eine mutmaßliche Terroristin erhält, statt in den Tiefen von Oovo 4 gefoltert und getötet zu werden.

Alle Figuren kreisen auf nur schwer vorherzusehenden Bahnen durch diese Handlung und den Roman. Es gibt Überraschungen an jeder Ecke, Figuren sind plötzlich involviert und treffen aufeinander, die man so nicht erwartet hätte und es ist kein Wunder, dass Roanhorse sich in den Danksagungen bei ihrem Lektor Tom Hoeler bedankt. Bei dieser Komplexität nicht den Überblick zu verlieren ist eine Kunst. Es dann noch für uns Lesende gleichzeitig so stringent und nachvollziehbar zu erzählen, obwohl das Fundament so unfassbar komplex ist, das ist ein Meisterwerk. Und genau das hat Roanhorse mit diesem Werk vollbracht.

Fazit

Nach Alexander Freeds Auftakt der Reign of the Empire-Trilogie war ich skeptisch, ob die noch folgenden Romane noch einen draufsetzen könnten. Irgendwann habe ich beschlossen, dass sie das gar nicht müssten, sondern es würde bereits reichen, wenn sie das Niveau halten. Doch insgeheim hatte ich große Erwartungen an Rebecca Roanhorse, denn immerhin gelang ihr bereits das unmögliche, indem sie mit Der neue Widerstand einen Sequel-Roman relevant und inhaltlich spannend gestaltet hat. Für mich weiterhin der einzige Roman dieser Ära, der ein Must-Read ist.

Mit Edge of the Abyss nutzt sie ihre Stärke in einer noch viel spannenderen Ära und liefert damit ein Buch ab, dass nicht nur ein perfektes Prequel zur Serie Andor ist, sondern auch ganz für sich ein hervorragender Star Wars-Roman. Es braucht nicht eine Raumschlacht, nicht eine Kriegsszene, für den Großteil des Romans nicht mal einen Schuss – es braucht lediglich den Mut einen wirklichen Polit-Krimi zu schreiben und die sehr komplexe Handlung dann noch in eine verständliche und nachvollziehbare Kapitel-Struktur zu überführen. Bei zweiterem scheitere Freed teilweise noch, Roanhorse aber triumphiert dafür jetzt auf ganzer Linie.

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