Rezension: Legacy von Madeleine Roux tappt in die Sequel-Falle

Bereits Ende Juli erschien bei Random House Worlds der Roman Legacy von Madeleine Roux. Darin sucht Rey zwischen Episode VIII und IX zusammen mit Leia und eigentlich auch Chewbacca, nach einem Tempel auf Tython. Dieser soll ihr im besten Fall helfen, das Skywalker-Lichtschwert zu reparieren, gegen etwas Selbstfindung hätte sie aber auch nichts einzuwenden. Parallel dazu kriselt es in der Ersten Ordnung, seit Kylo Ren das Ruder in der Hand hat, und eine Gruppe Attentäter aufseiten des Widerstands muss untertauchen. Warum all das wenig überraschend wenig zusammenpasst und wieso ein Fokuswechsel die Lösung hätte sein können.

Immer wieder Rey

Jetzt habe ich diese Rezension plakativ mit „Sequel-Falle“ betitelt und muss das natürlich direkt auflösen. Der Roman begeht den Fehler, dass Rey ins vermeintliche Zentrum gestellt wird. Leider wird die Figur dann aber – wie auch bereits in Romanen im Erscheinungsdunstkreis der Sequels damals – nicht wirklich weiterentwickelt oder greifbar. Rey hat Sorgen, Rey hat nicht zu wenig Probleme und bringt es zu Beginn des Romans eigentlich gut auf den Punkt. Das namensgebende Legacy (Vermächtnis) des Jedi-Ordens lastet auf ihren Schultern. Keine einfach Hypothek. Sich dieser schmollend und ohne Fähigkeit zur Einsicht zu stellen, ist jedoch auch keine Lösung.

Das Problem ist aber nicht Rey an sich, sondern, dass sie diese wirklich großen Einsichten und „finalen“ Wendungen erst in Episode IX durchmachen darf. Bis dahin muss sie eben warten. Und das tut sie nun meistens auch in diesem Roman. Ja, sie hat hier und da mal Visionen, darf auch lernen, wie sie Leute heilt (beziehungsweise eher ihre Chakras freiklopfen, damit sie es dann einfach kann, warum sie es kann, wissen wir weiterhin nicht) und sich mit ihrem bösen Zwilling zumindest mal bekannt machen, damit sie sich auf dem Todesstern-Wrack in Episode IX auch direkt wiedererkennen. Ansonsten wird sie eher getrieben. Sei es von Leia, die sie dazu bringen will, anderen zu Vertrauen und eben nicht selbstumarmend und schmollend alle wegzuschieben oder den Siedlern auf Tython, die sich gerne mal entführen lassen, um Rey von ihrem Schriftenstudium und Selbstzweifeln abzulenken.

Dass ein Sequel-Roman nicht in diese Falle tappen muss, zeigte uns einst Resistance Reborn (Der neue Widerstand) von Rebecca Roanhorse. Unmittelbar im Dunstkreis der Sequels erschienen, kaum referenziert und durch Episode IX auch gerne mal widerlegt (man denke an die Tantive IV, die plötzlich auf Ajan Kloss war, obwohl im Roman eine andere Fregatte dieser Klasse gestohlen wurde, aber das Easter Egg war wichtiger). Aber die Figuren haben in dem Werk funktioniert. Poe hat seine Entwicklung nach der Degradierung aus Episode VIII unmittelbar fortgesetzt, der Widerstand schlug sich glaubwürdig mit den Nachwehen von Crait herum und die Suche nach neuen Formen der Rebellion, samt Anknüpfungen an Werke aus Leias Vorgeschichte, haben dem einen persönlichen Spin gegeben. Auch bei diesem Roman merkte man die Schranken, aber man hat sie nur geschrammt und dann einen anderen, gangbaren Weg bestritten – statt sich schmollend davor zu setzen und auf mögliche Schleichwege zu warten.

Vermächtnis der Ersten Ordnung

Während also in Legacy viel Zeit und Seiten für diese (fast) Selbstfindung von Rey draufgehen, gibt es rund um die Figur der Major Wolstenholme eine weitere Handlungsebene des Romans. Diese ist nur sehr selten wirklich mit Rey und Leias Handlung verzahnt. Eigentlich nie. Den Auslöser dieses Schauplatzes bekommen wir ebenfalls direkt im Preroll-Text präsentiert und das gibt uns das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben: Ein Attentat auf eine Offizierin der Ersten Ordnung schlug fehl. Die vier Attentäter hatten alles genau geplant und trafen dann ausgerechnet auf Kylo Ren, der die Offizierin rettete. Seither sind sie auf der Flucht, und Wolstenholme erbarmungslos auf der Suche nach ihnen.

Wolstenholme ist dabei eine sehr spannend konzipierte Figur, die viel zu wenig Zeit hat, wirklich zu scheinen. Sie ist brutal, effizient und – wie es sich für eine Faschistin gehört – ein gutes Stück verrückt. Immer wieder blicken wir in ihre Kindheit oder Jugend an der Akademie, ihren strebsamen Weg für eine Erste Ordnung, die es wert ist, für sie zu kämpfen. Doch im Laufe des Romans wird ihr immer deutlicher, dass es diese Version ihrer Ersten Ordnung immer weniger zu geben scheint, seit der Oberste Anführer Kylo Ren statt Snoke heißt.

Roux konzipiert hier eine eigene Figur, der ich stundenlang hätte folgen wollen. Nicht, weil sie eine sympathische Heldin ist – sondern im Gegenteil. Weil ihr Weltbild vor ihren Augen in tausende Stücke zerspringt, weil sie lernen muss, wie der Faschismus seine eigenen Untergebenen als Bauernopfer missbraucht, weil sie erkennt, dass sie irgendwie alle im gleichen Boot sitzen, und weil wir das alles schon in den ersten Szenen mit der Figur erkennen – nur sie nicht.

Mut zum Fokuswechsel

Hier kommt mein Plädoyer für den Fokuswechsel ins Spiel. Eine simple Frage: Wieso braucht es (jetzt noch) einen Roman zu Rey, in dem kaum etwas wirklich weiterentwickelt werden kann, weil es in den Filmen (von vor acht respektive sechs Jahren) bereits passiert? Genau, weil es sich ganz vielleicht gut verkauft, doch daran zweifle ich.

Es gibt schlicht keinen guten Grund dafür, dass genau diese Hauptfigur immer wieder ins Rampenlicht gerückt werden muss, wenn sie entweder ihren Text nicht gelernt oder sie eigentlich auf der Bühne nebenan aka der Filmleinwand ihren Raum zur Entfaltung hat. Ich sehe Rey nach diesem Roman weder anders noch verstehe ich sie besser. Eher im Gegenteil, da die Angst vor ihrer eigenen Dunkelheit in Episode IX jetzt umso seltsamer erscheint, hat sie sie in diesem Roman doch ausgiebig kennengelernt und sogar einen Stuhlkreis mit ihr und Kylo gebildet (bildlich gesprochen).

Gebt mir doch stattdessen einen Roman zum Zustand der Ersten Ordnung, nachdem Kylo Ren das Ruder übernommen hat. Lasst Wolstenholme den ganzen Plot, der hinter ihrem Rücken und dem des Obersten Anführers abgeht, aufdecken. Lasst sie noch mehr brutale Szenen durchleben, uns mit der Figur auf seltsame Weise identifizieren, weil wir auch Gerechtigkeit für die Lügen nach dem Attentat wollen. Baut parallel Hux und seinen Weg zum Verräter weiter aus. Gebt ihm Seiten und einen Point of View. Arbeitet euch über Nebenfiguren und Nebenschauplätze an die Kontextualisierung der Sequels heran und versucht nicht immer wieder, direkt mit der Hauptfigur ins Haus zu fallen und dann im Eingang stehen zu bleiben.

In Resistance Reborn aka Der neue Widerstand sammelte sich der namensgebende Widerstand neu, sicherte Versorgungswege und fand Verbündete, organisierte den Kampf bis zu Episode IX. In Legacy steckt das Potenzial, etwas Ähnliches für die Erste Ordnung erzählen zu können. Wo sind Risse in der Loyalität? Wieso ist ein impulsiver Junge kein adäquater Anführer und wieso erhebt sich dagegen – auch von Hux, mit mehr Kontext als sein Beleidigt-Sein in Episode IX – berechtigter Widerstand und Illoyalität? All das mit Wolstenholme und den Attentätern im Fokus, die sie herauszulocken versucht und alles dafür tut, um sie zu finden – auch eigene Männer und Frauen opfern; das wäre eine spannende Story gewesen. In Ansätzen hat der Roman dafür genau den richtigen Ton und auch bereits einen spannenden Cast, bis im nächsten Kapitel wieder Rey auf einem Stein sitzt und sich mit Selbstzweifeln selbst umarmt.

Fazit

Legacy ist für mich vor allem ein Werk der verschenkten Chancen. Denn in dem Buch stecken eigentlich mehrere Bücher. Das einzige, welches komplett ausformuliert wurde, ist leider auch das, was am uninteressantesten ist: Reys Suche nach sich selbst oder ihrem Jedi-Vermächtnis. Sie selbst weiß nicht genau, was eigentlich. Alles andere ist bestenfalls ein Streifen von spannenden Ideen, doch die machen schon so viel Spaß, dass jede Rückkehr zu Wolstenholme oder dem Zustand der Galaxis allgemein, der Grund waren, warum ich das Werk weiterlesen wollte. Ich habe immer vor Wolstenholme-Kapiteln meine Pausen eingelegt, da ich befürchtete, mit einem Rey-Kapitel vielleicht nicht mehr ins Buch zurückzufinden. Mehr davon, mehr Mut zu einer spannenden, dreckigen und (selbst-)destruktiven Story rund um die Erste Ordnung statt Macht-Visionen und vagen Charaktermomenten, wäre ein viel sinnvolleres Werk gewesen. So bleibt es die meiste Zeit die typische Sequel-Kost, deren Fluch Resistance Reborn einst vermeintlich brach – bis jetzt.

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