Florians Rezension: The High Republic: The Rising Storm von Cavan Scott

Nachdem ich euch am 26. Mai bereits einen ersten Eindruck meinerseits zur zweiten Welle geliefert hatte, möchte ich heute nun mit etwas mehr Abstand zur Lektüre, etwas mehr Nähe zum Erscheinungstermin und generell mehr Bedenkzeit und in größerem Detailgrad meine vollständige Rezension zu Star Wars: The High Republic: The Rising Storm von Cavan Scott liefern! Der Roman erscheint am 29. Juni bei Del Rey und ist nach Light of the Jedi der zweite Erwachsenenroman des auf viele Jahre angelegten Literaturprojekts.

Diese Rezension enthält leichte Spoiler der ersten Romanhälfte, aber nichts, das nicht auch im Marketing bereits offensichtlich war!

Genau wie Light of the Jedi und die erste Welle, hat auch The Rising Storm eines der utopischen „Großen Werke“ der Kanzlerin Lina Soh im Mittelpunkt – damals war es die Starlight-Station, diesmal ist es der Republic Fair, eine Art Jahrmarkt der Republik. Dieser findet auf dem Planeten Valo statt, wo sich Jedi-Ritter, Politiker und Würdenträger möglicher zukünftiger Mitgliedswelten der Republik sowie zahllose Bürger der gesamten Galaxis versammeln, um Prunk und Pracht der Hohen Republik zu feiern. Die Beschreibung dieses Großereignisses, das insgesamt sehr an eine überdimensionierte Weltausstellung erinnert, ist Cavan Scott wunderbar gelungen. Wir bekommen im Erzähltext schrittweise einen klaren Plan der Stadt und der Messe dargelegt, die uns später dann helfen, uns auch in chaotischeren Actionkapiteln zu orientieren. Genau wie Alexander Freed in den Raumschlachten von Victory’s Price verankert Scott uns hier anhand visuell klar definierter Eckpunkte im Raum – wenngleich hier innerhalb der Atmosphäre.

Utopie funktioniert allerdings am besten im Wechselspiel mit der Dystopie, und aus gutem Grund werden die meisten literarischen Utopien irgendwann von ihren Autoren demontiert und zerstört – nicht zuletzt auch die strahlende Galaktische Republik selbst im weiteren Verlauf der Star Wars-Prequels. So weit sind wir in der Hohen Republik noch nicht, doch die Utopie des Republic Fair wird dennoch gründlich durch die Nihil demoliert – mit einem narrativen Ausbruch an Gewalt, der sich zwar seit Beginn des Buchs langsam anbahnt, dann aber erst im Mittelteil wirklich entlädt, und dann richtig. Diese apokalyptischen Szenen der Zerstörung hinterlassen Spuren bei jedem Leser, und neben den emotionalen Nachwehen bleiben auf jeden Fall viele visuelle Eindrücke in meinem Gehirn davon zurück. Dies ist zuvorderst ein Verdienst von Cavan Scott, wobei man spürt, dass Daniel José Older – dessen Jugendroman Race to Crashpoint Tower parallel hierzu spielt – und die anderen Mitglieder des The High Republic „Think Tank“ hier auch mitgewirkt haben.

Diese zerrüttete Landschaft spiegelt sich auch in den Emotionen der Figuren wider. Wir begegnen hier erneut Elzar Mann, dem unkonventionellen Kameraden von Avar Kriss aus Light of the Jedi, der hier weiter in den Vordergrund tritt und selbigen auch bald gegen den Abgrund tauscht. Er ist ein Jedi mit Fehlern und definitiv eine von Scotts gelungensten Charakterdarstellungen. Wenn mir an der Stelle ein Verweis auf ein Meme erlaubt sei, so möchte ich mich für Elzar nur mit einem lauten „BONK!“ auf das „Go to horny Jail“-Meme berufen. Ihm wird die ehemalige Jedi Ty Yorrick gegenübergestellt, die nicht nur als Monsterjägerin mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen hat und weithin als „Saber-for-hire“ (von mir gerne mit „Auftragsritterin“ übersetzt) bekannt ist. Bei ihr bleibt jedoch auch noch vieles vage, und trotz spannender Querverweise zu Dooku: Jedi Lost in ihrer angedeuteten Vorgeschichte hoffe ich auf mehr Klarheit in der kommenden Miniserie The Monster of Temple Peak. Ein weiterer Kontrast zu Elzar ist Stellan Gios, der einstige Meister von Vernestra Rwoh, der in den Büchern der zweiten Welle einerseits als „Poster Boy“ und andererseits als gewiefter Politiker unter den Jedi eingeführt wird und mit diesem politischen Kalkül nicht weiter von seinem Kindheitsfreund Elzar entfernt sein könnte.

<a href="https://jedi-bibliothek.de/datenbank/ausgabe/the-rising-storm-9780593358207/"><em>The High Republic: The Rising Storm</em> (Out of Print Exclusive Edition)</a> (29.06.2021)
The High Republic: The Rising Storm (Out of Print Exclusive Edition) Umschlagsmotiv (29.06.2021)

Auch der Padawan Bell Zettifar ist zurück, dessen Meister Loden Greatstorm am Ende von Light of the Jedi von den Nihil gefangen genommen wurde und bei den Jedi offiziell als tot gilt. Bell muss sich an seine neue Meisterin Indeera Stokes noch gewöhnen und ist weite Teile der Handlung über von Zweifeln geplagt. Hervorzuheben ist allerdings seine tolle Dynamik mit seiner feuerspeienden Hündin Ember. Diese ist ihm stets treu zur Seite, selbst an Bord eines Vector-Sternjägers, und verleiht dabei dem englischen Begriff „Dogfight“ für den Raumjäger-Kurvenkampf eine neue Dimension. Es war eine Freude, Bell bei seinen Fortschritten in diesem Buch zu begleiten, auch wenn er nicht ohne neue emotionales Trauma davonkommt – ihr merkt schon, selbst in der glänzenden Hohen Republik ist niemand gegen Schmerz gefeit.

In weiteren Rollen erleben wir Marchion Ro, der mit gewohnter Undurchsichtigkeit sein Netz weiterspinnt, in dem er die Jedi fangen möchte, und dabei oft mit seinen Tempest Runners (im Deutschen offiziell „Orkanläufer“) aneinandergerät. Insbesondere Lourna Dee und Pan Eyta bekommen dabei sehr viel Persönlichkeit, was mich sehr auf das Hörspiel Tempest Runner mit Lourna in der Hauptrolle gespannt macht. Ich hätte mir stellenweise gerade bei Marchion etwas mehr Erkenntnis gewünscht als der Roman bietet, aber ich kann keineswegs behaupten, dass das, was er tut und geschehen lässt, nicht auch in der vorhandenen Form spannend sei. Ich hoffe hier stark auf den dritten Roman der Reihe für weitere Einblicke in diese Figur und die Verbindung mancher Puzzlestücke, die wir dank der Romane und The High Republic Adventures nun bereits haben.

Auch die politische Dimension fehlt natürlich nicht. Der Republic Fair ist eine gigantische Propaganda-Veranstaltung der Kanzlerin, und in Anbetracht der Bedrohungen durch die Nihil und Drengir ist dieses Event nicht bei allen Senatoren beliebt. Insbesondere der Sullustaner Tia Toon schlägt aus seiner Opposition dazu viel politisches Kapital, nicht zuletzt weil er das Geld lieber in das Verteidigungsbudget stecken würde, um zur Entlastung der Jedi eine „Defence Force“ der Republik aufzubauen. Gelungen ist hier, dass Toon keine negativ konnotierte Figur ist – er ist lediglich anderer politischer Ansicht. Eine derart differenzierte Darstellung eines Oppositionellen mit einer durchaus nachvollziehbaren Agenda fand ich in Star Wars erfrischend, wo unliebsame politische Gegner sich oft als Sith-Lords oder deren korrupte Lakaien entpuppen. Das Ende des Buches lässt auch spannende Möglichkeiten mit dieser Figurenkonstellation zu, und ich hoffe, die Fraktionen von Soh und Toon in einem späteren Werk auch im Senat aufeinandertreffen zu sehen.

Die Abwesenheit von Avar Kriss, dem Leuchtstern des ersten Romans, zeigt hier ganz klar auf, dass auch die Marvel-Comics aus Scotts Feder ein unerlässlicher Bestandteil des Projekts Star Wars: The High Republic sind, denn die Drengir-Bedrohung spielt sich weitgehend off-screen ab und wird in den Comics thematisiert, während der Roman The Rising Storm die Drengir nur am Rande zeigt und sich stärker auf die Nihil konzentriert. Diese scheinbare Trennung wird durch die vielen Querverweise allerdings Lügen gestraft, denn beide Handlungsstränge wirken sich deutlich aufeinander aus – Vernetzung, nicht Trennung ist das Motto hier. Zudem ist es sicher kein Zufall, dass Avar und die Starlight-Jedi zufällig auf Drengir-Jagd sind, während auf Valo die Lage eskaliert. Aus narrativer Sicht wäre dieser Konflikt schnell gelöst gewesen, wenn sie mit ihrer besonderen Machtbegabung – wie schon bei der Großen Hyperraumkatastrophe – die Jedi trotz blockierter Kommunikationsanlagen miteinander vernetzt hätte.

Nun ist Cavan Scott den kundigen Lesern aber allerdings für eines bekannt, abgesehen von seiner charmanten Vorliebe für den grünen Hasen Jaxxon: als Meister der Querverweise. Und in seinem ersten vollwertigen Star Wars-Roman hat er sich folgerichtig auch geradezu ausgetobt. Davon profitiert auch das Worldbuilding stark, wenn Andeutungen aus Dooku: Jedi Lost sich endlich bezahlt machen oder der Bacta-Nebenplot aus Light of the Jedi und Scotts Marvel-Comics wieder aufgegriffen werden, hilft das genauso mit der Immersion in diese immer noch neue Ära wie die vielen Verweise auf bekannte Planeten und Spezies, ob nun aus Legends oder Kanon. Lediglich eine Referenz verüble ich Cavan – ich sage an dieser Stelle nur „Bibfort“ und lasse euch den Rest selbst recherchieren.

Apropos tolle Nebenplots – Kitrep Soh, Sohn der Kanzlerin, und sein valonisches „Love Interest“ Jom sind die heimlichen Stars dieses Buches, und tragen neben Elzars Verhalten dazu bei, dass hier auch die Romantik nicht zu kurz kommt. Was wären denn tragische Star Wars-Abenteuer ohne die Liebe, werte Leser? Gerade wenn Welten brennen und alles verloren scheint, sind diese Plots doch das, was Filme wie Das Imperium schlägt zurück oder Die Rache der Sith vervollkommnet und Charakteren etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Alles in allem liefert Cavan Scott hier – nach einem etwas verwirrenden Start im ersten Drittel – einen spannenden Roman, der gerne mit den Schicksalen seiner Figuren und den Gefühlen der Leser spielt. Spätestens nach Beginn des Republic Fair packt dieses Buch seine Leserschaft jedoch und lässt diese dank vieler überraschender Wendungen nicht mehr los, bis man emotional ausgelaugt und mit einem aufgewühlten Mix aus Katharsis und Trauer die letzte Seite erreicht und sehnsüchtig der Fortsetzung entgegenblickt.

Danke an Disney und Del Rey für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. Rechnet in den nächsten Tagen auch mit einer Rezension der Kollegin Ines sowie einem JediCast zu diesem Roman!

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4 Kommentare

  1. „Was wären denn tragische Star Wars-Abenteuer ohne die Liebe, werte Leser? Gerade wenn Welten brennen und alles verloren scheint, sind diese Plots doch das, was Filme wie Das Imperium schlägt zurück oder Die Rache der Sith vervollkommnet und Charakteren etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt.“ – Ja … Nein! Sehe ich anders. Ich würde mich freuen, wenn ein major character eben nicht für die Liebe, sondern für eine Sache kämpft. Und deine Andeutung zu Elzar Mann macht mir schon wieder Angst (und trübt meine Vorfreude), dass auch Avar Kriss das Schicksal so ziemlich aller weiblichen Hauptcharaktere in Star Wars erleiden wird, nicht ohne männliches Anhängsel auftreten zu dürfen. Es ist doch inzwischen auffällig, dass im Prinzip alle in der Lore relevanten weiblichen Personen – ich nenne jetzt hier mal nur Bastila und Satele Shan, Padmé, Ahsoka, Leia, Jaina Solo, Mara Jade – einen männlichen Partner an die Seite gestellt bekommen. Mal ist es nur ohnehin kurzzeitig (Ahsoka oder Satele), mal sogar ganz ordentlich emanzipatorisch dargestellt (Leia) und mal wird die weibliche Person völlig dem männlichen Charakter untergeordnet (Padmé in ROTS). Selbst zwischen Rey und Kylo wird in TROS noch für den Plot total unnötig eine Lovestory konstruiert (oder wird die im Journey to erklärt und ich habe es nur nicht mitbekommen). Daher lagen bei mir große Hoffnungen auf Avar Kriss als lead der High-Republic-Ära und ich hoffe sehr, dass Soule, Scott und Co. das nicht verhunzen. In der Marvel-Reihe fand ich Kriss super und den Teil von LotJ, den ich schon angelesen hatte, bevor ich mich dazu entschied, doch auf die deutsche Ausgabe zu warten, fand ich auch gut. Aber bitte, bitte macht aus ihr und Elzar keine Sache! (Und bitte nicht falsch verstehen: Ich bräuchte auf der Gegenseite auch keine emotionslose 0815-Bad-Ass-Kämpferin wie Cara Dune, die nur 1 zu 1 männliche Charaktereigenschaften zugeschrieben bekommt, sondern schon eine komplexe und und starke weibliche Hauptfigur. Aber bitte ohne Lovestory, die für die Handlung nicht zwingend notwendig ist.)

    Wesentlich mehr freue ich mich dank der Rezension auf Stellan Gios (den ich von den Konzeptzeichnungen her eher als Schönling angesehen hatte). Endlich findet das Thema Politik wieder mehr statt und wird auch aus der unglaublich spannenden THR-Ära beschrieben. Da bin ich sehr gespannt.

    1. Deine Ansichten seien dir gegönnt, aber eines möchte ich ansprechen: Von einer epischen Lovestory zwischen Hauptfiguren, ganz zu schweigen mit Avar Kriss (die gar nicht im Buch auftaucht), war in meiner Rezension nie die Rede. Es geht um Nebenfiguren. Wobei das, was in Light of the Jedi angedeutet wurde, für Avar zumindest auf jugendliche Eskapaden im Bereich der Liebe schließen lässt.

      1. Ja, du hast ja Recht und ich muss natürlich erstmal schauen, wie das alles in LotJ überhaupt dargestellt wird. Zumal ich als nicht-weibliche Person mir nicht anzumaßen habe, darüber zu urteilen, ob ein Frauencharakter mit oder ohne Romanze „stark“ oder „schwach“ ist. Das wollte ich auch gar nicht so andeuten. Letztlich kann ich mich persönlich einfach nur stärker mit Figuren identifizieren, die keine Lovestory im Gepäck haben. (Andererseits zählen Satine und Obi-Wan zu meisten liebsten Charakteren, von daher: Schauen wir mal.)

      2. Ich denke, du wirst genug Identifikationsfiguren in The Rising Storm finden, wenn dies dein Kriterium ist. 😉 So oder so freuen wir uns darauf, deine Meinung zu dem Buch zu hören, wenn du es dann in den nächsten Tagen endlich lesen kannst. 🙂

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