TASCHEN erfreute uns vor ein paar Tagen mit einer (ge)wichtigen Neuerscheinung. Einem XXL-Band zu den ersten Star Wars-Comics von Marvel. Und das XXL bezieht sich sowohl auf den Inhalt als auch auf das Format.
In den Bänden der Comics Library von TASCHEN, die für verschiedene Comic-Serien verfügbar sind, gibt es nun auch einen Band zu Star Wars. Verfasst wurde der Band vom Filmhistoriker Paul Duncan, welcher der Star Wars-Fangemeinde noch von seinen beiden, ebenfalls bei TASCHEN erschienenen, The Star Wars Archives zu den Episoden I-VI in bester Erinnerung ist. Auch dieses Mal geht es nicht um eine bloße Neuauflage der ersten 23 Comic-Hefte, mit denen Marvel ab 1977 den Hunger nach neuen Geschichten aus dem Star Wars-Universum zu stillen versuchte, sondern um ein weiteres Werk, das sich in einer Weise mit dem Thema befasst, wie es sich Fans wünschen. Auch die Star Wars Archive-Bände sind damals im XXL-Format erschienen, nur im Längsformat. Leser:innen, die eines dieser beiden Werke ihr Eigen nennen, wissen also, was auf sie zukommt. Auch dieses Mal sind es wieder 680 Seiten und knapp 6 kg.

Mit dieser Reihe feiert TASCHEN den Marvel-Verlag, der sich ja in besonderer Weise um die Comic-Szene verdient gemacht hat. Dementsprechend gibt es nicht nur die digital erneuerten ersten 23 Comics, sondern auch eine fachkundige Einleitung von Peter Sanderson (Our Wonderful Adventure in Comics), die nacherzählt, wie George Lucas schon frühzeitig Comics als wichtiges Medium für seine Geschichten entdeckte und konsequent für Star Wars nutzte. Und all die Herausforderungen, die es zu überwinden galt, ehe am 12. April 1977 dann tatsächlich das erste Star Wars-Comic-Heft auf eine zunächst noch unbekannte Leser:innenschaft wartete. Aber das Phänomen Star Wars entwickelte sich schnell, auch im Comic-Segment. Dieser ausführliche Artikel ist mit zahlreichen Illustrationen von frühen Covern, Postern, Farbstudien und Figuren-Entwürfen angereichert, aber auch mit den Wegbegleitern aus den anderen Comic-Reihen, denn die späten 70er Jahre waren ja eine besonders intensive Zeit. Die Autoren und Zeichner verließen zunehmend das eingeschränkte Format der Zeitungs-Comic-Strips und nutzten die sich bietenden Freiheiten dieses Mediums. Es darf also nicht verwundern, dass Crossover mit zumindest ähnlichen Figuren anderer Reihen, aber auch sehr stark, der Zeitgeist jener Epoche die Geschichten prägte. Es war eine wilde Zeit und wir Kinder/Leser:innen wollten es gar nicht anders haben. Wenn unser Taschengeld damals meist nur für ein Heft am internationalen Zeitungskiosk des Flughafens monatlich ausreichte und wir als Grundschüler dann doch ziemlich mit den englischen Sprechblasen zu kämpfen hatten, sollte es sich wenigstens lohnen. Und was wir nicht verstanden, interpretierten wir halt mit viel Fantasie.
Die Comics beginnen mit der sechsteiligen Film-Adaption und gehen dann in den Wheel-Handlungsbogen über, mit dem das Künstlerteam um Autor Roy Thomas und weitere bewies, dass man in den Comics auch komplexe, eigenständige Geschichten erzählen kann und dass die Leser:innen für weiteres Futter nicht nur auf die frühen Romane angewiesen sind. Und man war sich auch damals schon sehr wohl der Probleme bewusst, die sich aus den verschiedenen, sich überlagernden Geschichten aus Film, Roman und Comics ergaben und bis heute den sog. Kanon plagen. Aber diese Hefte sind auch der Geburtsort klassischer Figuren wie Jaxxon und zeichnen sich durchaus durch einen leicht anarchischen Humor aus, z.B. wenn Han sich eingesteht, dass er wohl Luna-Weed gekaut haben muss, als er Don-Wan-Kioti (einen Don-Quijote-Verschnitt, der von sich glaubt, der letzte Jedi-Ritter zu sein) als Verstärkung angeheuert hat.
Verglichen mit den heutigen Comics sehen die Comics nicht nur anders aus, sondern fühlen sich auch inhaltlich anders an, roher und archaischer. Dies hat nicht nur mit dem damals vorherrschenden Zeitgeist zu tun, sondern auch damit, dass die Charakterentwicklung, die die Figuren in diesen Heften durchmachen, noch etwas Neues für dieses Medium und diese Zeit war. Aufgrund der Kürze der damaligen Geschichten meinte man, nicht viel Platz für die Schilderung komplexer Charaktere aufwenden zu dürfen. Die Guten und die Bösewichte mussten daher sofort optisch wie in ihrem Verhalten als solche erkennbar sein und die Figuren mussten in jedem Heft immer wieder gleich sein. Damit brach Star Wars. Zwar nicht so radikal, wie wir es in heutigen Serien sehen, aber doch schon signifikant für die damaligen Verhältnisse. Wie revolutionär dies damals war, sieht man auch daran, dass man nach einigen Jahren damit wieder aufhörte und zur viel kritisierten Veränderungssperre für die Figuren zurückkehrte, die viele der späteren Reihen so arg plagte, weil am Ende der Geschichte im Hinblick auf die Hauptfiguren quasi alles wieder so sein musste, wie zu Beginn des Heftes. Insofern habe ich die Lektüre dieser alten Comics in den letzten Tagen doch sehr genossen. Es war eine Rückkehr in längst vergangene Zeiten!









So wild und archaisch, wie die Geschichten und Figuren sind, so sind es auch die Zeichnungen. Comics waren damals Billigware, und auch wenn die Künstlerteams durchaus schon den Anspruch hatten, eine gewisse Qualität abzuliefern, muss man sehen, dass die Druck- und Kolorierungstechnik in diesem Preissegment gar nicht viel anderes hergab. Trotzdem hat man sich damals schon sehr viel Mühe gegeben und war in Sachen Panelkomposition durchaus auf demselben Level wie heute. Es hat sich primär die Fertigungstechnik verändert, nicht der künstlerische Gestaltungsgedanke dahinter. Interessant ist auch, dass sich die Zusammensetzung des Künstlerteams quasi von Monat zu Monat veränderte. Dadurch bekommt man eine sehr große Bandbreite an Stilen und Qualitäten geboten.
Abgerundet wird die Zusammensetzung des Bandes durch eine sehr ausführliche Sektion mit allen wichtigen Angaben zu den Covern, dem Künstlerteam (inkl. ursprünglich nicht genannter Beteiligungen) sowie einer Zusammenfassung der Handlung eines Heftes und einer Biografie aller mitwirkenden Künstler, die von sehr ausführlich bis hin zu einem Einzeiler reicht. Auch hier sieht man mal wieder, wie eng die Comic-Welt damals doch verwoben war. Und auch fürs Auge gibt es noch etwas eher Ungewöhnliches zu sehen, nämlich ganz am Anfang und Ende des Buches ein paar ganzseitige Lithofilme, die damals erforderlich waren, um im klassischen Vierfarbdruck der Comics, die verschiedenen Farbauszüge (CMYK – Cyan, Magenta, Yellow und Key/Black) zu erstellen, aus deren Überlagerung dann der farbige Comic entstand.
Bei der Gestaltung des Buches hat man für den Comic-Teil auf Seitenzahlen verzichtet, wie sie in den Marvel-Omnibus-Ausgaben zu finden sind, und stattdessen die erste und letzte Seite eines jeden Heftes auf Hochglanzpapier gedruckt, was nicht nur einen interessanten haptischen Akzent setzt, sondern auch einen schnellen Wechsel von Heft zu Heft ermöglicht, wenn man zu einem speziellen Heft springen möchte. Fürs schnelle Auffinden der Seite, bei der man zuletzt aufgehört hatte zu lesen, hilft das eingeflochtene Lesezeichenband. Sehr atmosphärisch fand ich auch, dass man die gesamte damalige Werbung und die „Bullpen Bulletins“ mitreproduziert hat. Dadurch taucht man – zumindest wenn man diese Zeit damals so wie ich noch selber erlebt hat – noch tiefer in diese ein und kann über das ein oder andere schmunzeln oder seinen Kopf schütteln, wie z.B. über Star Trek-Werbung in einem Star Wars-Comic.
Sprechen wir nun endlich über den Elefanten im Raum: das Format! An „dick“ und „unhandlich“ sind wir ja bei solchen Sammelbänden durchaus gewöhnt, auch an das ein oder andere Sonderformat, aber die Kombination, die Taschen hier vorlegt, ist schon eine eigene Klasse für sich. 28 × 39,5 × 7 cm. Nicht ohne Grund hat der Verlag neben seinen (XXL-) Büchern auch gleich noch Buchständer im Programm. Klar, bei den XXL-Formaten geht es nicht nur um das Buch als solches, sondern um eine Art Buch-Event, ein Statement, quasi auch einen Einrichtungsgegenstand, der nicht nur gelesen werden soll, sondern auch irgendwo gut sichtbar platziert werden sollte. Quasi der LEGO-Todesstern unter den Büchern. Ob man so ein Objekt braucht, muss jeder für sich entscheiden, aber wenn ich an so manche mir bekannte Büchersammlungen von Star Wars-Fans denke, bin ich mir sicher, dass sich auch dafür einige Käufer finden lassen. Und der Rest kauft es dann eben, wenn es irgendwann eine Nummer kleiner erscheint. Dann allerdings lässt man sich die Gelegenheit entgehen, die Panels mal in solch einer Größe zu sehen, ja wahrzunehmen. Irgendwie macht die Größe etwas mit einem beim Lesen. Nicht ohne Grund gibt es auch in modernen Comics immer wieder seitenfüllende Splash-Panels. Und hier ist es dann nochmal ein, zwei Nummern größer. Zugegeben, die Panels sind nicht immer die ansehnlichsten, die Marvel in all den Jahrzehnten hervorgebracht hat. Trotzdem ist es mal was anderes!
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man sich mit diesem Band auf eine Reise begibt, sowohl in eine Galaxie, weit, weit entfernt, als auch in die Anfangsphase unseres Fandoms, selbst und man bekommt ordentlich was geboten. Paul Duncan und TASCHEN legen mit diesem Band ein weiteres Werk vor, mit dem sie den Fans eine Freude machen wollen, und das ist ihnen auch voll gelungen. Gewiss, 175 € sind kein Pappenstiel, aber die Omnibusse, die nur die entsprechenden Comics enthalten, sind auch nicht sehr viel günstiger, und dann fehlt doch sehr viel von dem Drumherum, das diesen Band ausmacht. Es ist zweifelsohne kein Must-have für jeden Fan, aber wer sich auf so etwas einlassen mag, bekommt wirklich etwas geboten. Ich zumindest habe einige schöne, interessante und vergnügliche Stunden mit diesem Band verbracht.
Wie auch bei den anderen Bänden aus der Comic Library von TASCHEN ist derzeit nicht mit einer Übersetzung ins Deutsche zu rechnen. Der Band trägt „Volume 1“ im Titel; es bleibt also abzuwarten, ob es einen zweiten Band geben wird. Zu anderen Reihen im gleichen Format gibt es durchaus bereits einen zweiten Band; wir dürfen uns also Hoffnungen machen.
Wir danken TASCHEN für die kostenlose Bereitstellung eines Rezensionsexemplars und der Fotos.










