Ty Yorricks zweites Abenteuer hat mich zunächst kaltgelassen und nach dem Lesen beeindruckt. Am 30. Juni erscheint bei Panini nach Das Monster vom Tempelberg der zweite Band, der Tys Geschichte fortsetzt und dabei auch die Galaxis als Ganzes nicht vergisst. Wie Cavan Scott und Rachael Stott eine kohärente und perfekt ausbalancierte Geschichte gelingt.
Die perfekte Balance

Ty(lera) Yorrick ist eine Figur, die seltsam abseits der Hauptfiguren steht und trotzdem immer relevant war. In Im Zeichen des Sturms spielte sie eine Hauptrolle, in Die Prüfungen der Jedi wird sie ein wichtiger Teil der Crew sein. Mehr von ihr und ihrer Vergangenheit zu erfahren, ist daher wichtig. Nun könnte Cavan Scott den Die Klinge-Weg gehen und wie Charles Soule bei Porter Engle einfach nur eine Vorgeschichte erzählen. Genau diesen Anschein hatte einst Das Monster vom Tempelberg aus der ersten Phase der Hohen Republik. Ty war da noch eine Figur, die eben eingeführt werden musste, weil sie in Im Zeichen des Sturms auftreten würde. Doch in diesem Band, ihrem zweiten alleinigen Abenteuer, schafft es Scott um Längen besser, zwischen Figurenhandlung und Galaxishandlung zu manövrieren.
Das liegt vor allem an den beiden Figuren, die den Band eröffnen: Kip und Jom. Wir erinnern uns: Kitrep Soh ist der Sohn der Kanzlerin Lina Soh und verschwand zusammen mit seinem Freund Jom, den er auf Valo als Sohn des Bürgermeisters kennengelernt hatte. Beide genießen ihre gemeinsame Zeit, abseits von Politik und Krieg. So sehr, dass sie erst im Laufe des Bandes vom Sturmwall und der Okklusionszone erfahren – genau dann, als die ersten Nihil-Jäger erkennen, welch wichtige Geisel in ihrem Territorium ist.
Jetzt also Tys, Drewens und KL-03s Story mit dem Schicksal des Kanzlerinnensohns zu verbinden, gibt der ganzen Handlung eine Relevanz, die der Phase III angemessen ist. Ghirra Starros ließ immerhin schon nach Kip suchen und auch Marchion hätte sicher seinen Spaß daran, Lina mit der Folter ihres Sohnes zu brechen. Dabei ist diese Sohn-Suche aber kein Selbstzweck. Scott nutzt sie nicht nur als Plot-Device, sondern es ergibt Sinn, dass er die Figuren zu Ende bringt, die er auch in seinem Roman begonnen hat. Kip, Jom, Ty und Co spielten schließlich alle große Rollen in Im Zeichen des Sturms und dass ausgerechnet Ty diejenige ist, der Kip auch vertraut – weil er sie kennt – ist daher naheliegend.
Gleichzeitig ruht sich Cavan Scott aber nicht auf diesem Ziel aus. Im Gegenteil: Der Band ist vollgepackt mit Story, die auch abseits der Suche und Rettung funktionieren würde. Doch indem diese Story und Charakterentwicklungen mit der Suche verbunden werden, folgen wir dem ganzen Band interessierter. Weil die Rahmenhandlung relevant ist, werden es plötzlich auch die Teile, die nur für den Comicband Relevanz haben. Wie entwickelt sich Drewen und wird er erfolgreich sein? – Wichtig wäre es, denn es hängt die Rahmenhandlung davon ab. Was ist mit Tys Vergangenheit und den Echos dieser? – Es könnte das Schicksal der Mission daran hängen.
Drewen und Lene – Spiegel und Vergrößerungsglas
Die beiden Figuren, die für Ty eine große Rolle spielen, sind konsequenterweise auch nicht Kip und Jom. Die will sie eigentlich gar nicht retten. Sie will auch keine Nihil jagen, nicht in den Konflikt reingezogen werden. Sie ist Monsterjägerin. Im Prinzip eine Star Wars-Version von Geralt von Riva aus der The Witcher-Reihe. Doch genauso wie bei Geralt, klappt es mit dieser kühlen und idealisierten Weltsicht nicht immer. Drewen muss man einfach lieben und so liegt Ty etwas an ihm, so wie Geralt etwas an Ciri liegt.


Drewen will sich beweisen (ich höre jetzt auf mit den offensichtlichen Parallelen) und Lene Ty helfen, sich ihrer belasteten Vergangenheit zu stellen. Noch immer hadert sie damit, dass sie einst Klias Teradine getötet hat und daraufhin den Orden verließ. Doch vor diesem Ereignis zu fliehen und sich fortan zu wehren, Entscheidungen zu treffen, ist keine Lösung. Die Vergangenheit holt sie immer wieder ein. Sei es, weil Lene und ihre kindliche Ehrlichkeit ihr nicht so egal sind, wie sie vorgibt, oder weil Drewens gelebter Heroismus doch ansteckend für Ty ist. Ist sie nicht selbst genau so? Ist sie nicht eigentlich weniger eine Söldnerin mit Lichtschwert als eine Jedi-Söldnerin? Ist ihre Abkehr vom Orden nicht eher eine Reaktion als eine Aktion? Sie muss wieder mehr in die aktive, handelnde Rolle gelenkt werden. Mehr noch als am Ende von Tempelberg, wo sie ihren Steinen abschwor. Den Stein hier bringt Drewen ins Rollen und ist deshalb ihr Spiegel und Katalysator für den eigenen Weg.
Zur Prüfung zugelassen
Genau das und die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit, angetrieben durch Lenes Schicksal, braucht es auch, damit Ty im weiteren Verlauf der Haupthandlung funktioniert. Hier kommt erneut der Balanceakt ins Spiel. Nicht nur gelingt es Scott durch Kip und Jom, die eigenen Figuren weiterzuschreiben und der Handlung eine Relevanz über das Heft hinaus zu geben. Nein, er schreibt Ty selbst auch auf ein notwendiges Ziel zu: Ihre selbstlose Teilnahme an der Mission nach Planet X in Die Prüfungen der Jedi.
Ich habe den Roman vor diesem Comic auf Englisch gelesen und mir kam Tys Teilnahme weit hergeholt vor. Nach dem Comic sehe ich das komplett anders. Gerade das Finale des Comics und die Auflösung rund um ihren Abgang vom Orden, verbunden mit vielen Missverständnissen und Ängsten, die nie aufgelöst wurden, erklären umso mehr, wieso sie jetzt bereit ist, wieder im Sinne der Jedi zu handeln.
Einheitlich und wunderschön
Etwas, das Das Monster vom Tempelberg und Söldnerin mit Lichtschwert teilen, ist neben Cavan Scott als Autor auch Rachael Stott als Zeichnerin. Die beiden Bände sind bisher – neben ein paar Variant-Covern – die einzigen Star-Wars-Werke, die sie gezeichnet hat, und das ist sehr schade. Rachael Stotts Zeichnungen sind fast auf jeder Seite Poster-würdig. Die Figuren sind liebenswert und gleichzeitig detailreich dargestellt. Drewen und Lene muss man einfach gern haben. Nicht nur, wegen der Story, sondern auch wegen ihrer zeichnerischen Darstellung. Kip und Jom sind auch perfekt eingefangen und ihre Abenteuer machen direkt ab Seite eins Spaß zu lesen und zu sehen.





Besonders schön ist, dass auch Das Monster vom Tempelberg von ihr gezeichnet wurde. Das gibt der Ty-Dilogie ein sonst eher ungewohntes, einheitliches Bild. Und das, obwohl dazwischen noch der Publisher von IDW zu Dark Horse gewechselt ist. In fast jeder Ausgabe und damit viermal im Band gibt es doppelseitige Motive, die Action oder Erinnerungen zeigen. Hier verschmilzt eine Erinnerung mit der Gegenwart, dort findet die eigentliche Handlung im Hintergrund statt und ist trotzdem superdetailliert. Rachael Stott hat wirklich ganze Arbeit geleistet und ohne sie wären beide Bände nicht annähernd so positiv in Erinnerung geblieben.
Fazit
Ich war ein Ty-Skeptiker und bin nun zu einem Ty-Fan geworden. Das alles dank dieses einen Bands. Nachdem mich Das Monster vom Tempelberg nicht so abgeholt hatte, wollte ich diesen vorerst nicht lesen und habe ihn hinten angestellt. Auf den deutschen Release gewartet. Vielleicht ein Fehler, hätte ich so doch Tys Rolle in Trials of the Jedi noch besser verstanden und akzeptiert. Cavan Scott schafft es, seine eigenen Figuren glänzen zu lassen (Drewen, Lene, Ty), dabei Figuren aus dem größeren Kontext aufzugreifen (ganz viel Liebe an Kip und Jom!) und am Ende einen plausiblen Übergang zu Ty Yorrick aus Die Prüfungen der Jedi zu schreiben. Dabei alles in einem einheitlichen Stil, der sich sowohl visuell als auch narrativ durch beide Bände zieht und damit eine Ty-Dilogie schafft, die im Comicsektor ganz weit nach oben gehört – sowohl in als auch außerhalb der Hohen Republik.
P.S.: Ich wünsche mir jetzt umso mehr einen Roman über Kip und Joms Abenteuer. Wäre die perfekte Veröffentlichung für Juni 2026.
Wir danken Panini für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.










