Rezension: The High Republic: Tempest Runner von Cavan Scott

Hörspiele sind für Star Wars-Fans schon seit einiger Zeit nichts Neues. Bereits mit Dooku: Jedi Lost und Doctor Aphra durften wir im Kanon zwei Geschichten im Audioformat von einem vollständigen Cast vertont erleben. Heute reiht sich ein drittes Werk in die Riege der auditiven Unterhaltung ein, jedoch werden wir dieses Mal in die Zeit der Hohen Republik entführt. Erneut durfte Autor Cavan Scott, aus dessen Feder auch der Bestseller-Roman The Rising Storm sowie die The High Republic-Comicserie stammen, ans Werk und eine Person zur Protagonistin machen, zu deren Herkunft wir bisher nur wenig wussten.

Tempest Runner setzt sich mit niemand Geringerem als der Tempest Runner Lourna Dee persönlich auseinander, die auch das wunderschöne Cover des ersten Hörspiels aus der Ära der Hohen Republik ziert. Was dieses zu bieten hat und wie es im Vergleich zu den bisher erschienenen Werken im selben Format abschneidet, erfahrt ihr in der heutigen Rezension!

Charakterentwicklung – Was die Geschichte zu bieten hat

Wie eingangs erwähnt, ist der Titel Tempest Runner definitiv Programm. Die Handlung spielt etwa drei Monate nach The Rising Storm und das Hörspiel ist somit das zeitlich am weitesten fortgeschrittene Werk der Hohen Republik. Die titelgebende Lourna Dee gerät nach einem misslungenen Angriff auf einen Außenposten der Republik den Jedi in die Hände, verschleiert jedoch ihre Identität und ist somit nur eine von vielen Nihil-Gefangenen. Auf einem Sträflingsschiff wird sie gemeinsam mit diesen durch die Galaxis befördert, um den Schaden zu reparieren, den die Nihil selbst angerichtet haben – so viel verrät bereits die Inhaltsangabe.

Schon in The Rising Storm hat Cavan Scott gezeigt, dass er eines besonders gut kann: Charaktere mit all ihren Stärken und Schwächen zu präsentieren und weiterzuentwickeln. Genau das gelingt ihm auch dieses Mal wieder außerordentlich gut. Lourna Dee ist wohl allen Lesern der Hohen Republik ein Begriff, und das obwohl wir kaum etwas über sie wissen. Wir kennen ihre Taten und ihr angsteinflößendes Erscheinungsbild, doch bisher haben wir nicht erfahren können, wie sie zu der Frau geworden ist, die Planeten ausraubt, und woher sie überhaupt stammt. Tempest Runner nimmt sich Zeit, genau diese Fragen zu beantworten. Wir begleiten Lourna wortwörtlich auf ihrer Reise, bekommen durch Flashbacks aber auch endlich mehr Informationen zu ihrer Vergangenheit. Diese Flashbacks sind clever mit der eigentlichen Handlung verbunden, sodass relevante Informationen immer an den passenden Stellen offenbart werden, man sich aber trotzdem chronologisch durch beide Zeitstränge bewegt.

Ohne zu viel vorwegzunehmen, kann ich nach dem Beenden des Hörspiels verraten, das Lourna Dee sich zu einer meiner Geheimfavoriten der Ära entwickelt hat. Ihre Herkunft und ihr Aufstieg zur Spitze der Nihil könnte nahezu als „Lourna Dee und eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ betitelt werden. Von einem Chaos ins nächste – Lournas Geschichte eröffnet Diskussionen darüber, wie viel eigene Schuld an der Entwicklung zum Bösewicht jemand trägt, was die Umstände aus einem machen können, und ob es nicht doch noch einen Wendepunkt geben kann. Und auch wenn die Geschichte am Ende vielleicht den Eindruck hinterlassen mag, lediglich einen Umweg gelaufen zu sein, nimmt man auf diesem Weg einiges an neuen Informationen mit und erlebt eine gut durchdachte und gelungene Charakterentwicklung, die sicherlich noch Konsequenzen für die Zukunft der Nihil und der Galaxis mit sich bringen wird.

Aber auch abseits der Protagonistin begegnen wir einigen interessanten Charakteren. Davon sind die prägnantesten auf der aktuellen Handlungsebene Tasia, die gemeinsam mit Insassin Ola Hest eine Bedrohung für Lourna darstellt, sowie Councilor Wittick und Sestin, die beide das Gute in Lourna sehen. Die Charaktere stehen ganz offensichtlich für den Konflikt, in dem sich Lourna befindet. Auf der einen Seite gibt es die Kriminellen, repräsentativ für ihre Vergangenheit, und auf der anderen die „Freunde“, die Lourna zum Vertrauen ermutigen und eine eventuelle bessere Zukunft darstellen. Aber auch diese Charaktere haben ihre eigenen Motivationen und handeln nicht ganz uneigennützig, sodass das Zusammentreffen der Gruppen immer einiges an Reibung bietet. Im Vergleich zu Lourna bleiben die Nebencharaktere zwar relativ blass, was mich persönlich aber wenig gestört hat, da der Fokus so durchweg auf Lourna bleibt.
Doch auch aus ihrer Vergangenheit und ihrem Nihil-Werdegang treten immer wieder Personen auf. Ohne Details vorwegzunehmen, soll hier nur gesagt sein, dass diese Auftritte einige der spannendsten sind, da sie die Strukturen innerhalb der Nihil aufgreifen und Fragen beantworten, die sich einige Leser vielleicht schon seit Light of the Jedi gestellt haben.

Tempest Runner bietet aber nicht nur Charakterentwicklung, sondern auch eine ganze Menge Action. Es ist wenig überraschend, dass wo auch immer Lourna sich befindet, Chaos herrscht, und so bekommt der Hörer neben emotionalen Momenten mindestens genauso viel Spannung geboten. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Wer Cavan Scott kennt, der weiß, dass dieser gut mit Sarkasmus umgehen kann, was sich am deutlichsten bei Lourna äußert, deren Kommentare mich einige Male zum Lachen gebracht haben. Geflucht wird übrigens auch am laufenden Band. Neben diversen Beleidigungen kann das Arsenal an Schimpfwörtern wohl problemlos mit dem von Keeve Trennis (die ja ebenfalls von Cavan Scott stammt) mithalten.

Die eine oder andere Anspielung lässt sich Scott ebenfalls nicht nehmen – meist sind das keine großen Momente, sondern clever eingestreute Bemerkungen, die den aufmerksamen Hörer aufhorchen lassen und uns eine kleine Freude bereiten.
Genauso viel Freude bereitet es, wieder auf bekannte Jedi zu treffen. Wie die Cast-Liste bereits verraten hat, hören wir von Avar Kriss, Keeve Trennis, Sskeer und Nib Assek, und die Hörprobe hat auch Burryagas Anwesenheit offenbart. Auch wenn diese Jedi keine riesige Rolle im Werk haben, macht es dennoch Spaß, sie für ein paar kurze Szenen dabeizuhaben.

Das Format Hörspiel – Wie Tempest Runner qualitativ abschneidet

Tempest Runner startet mit einer kurzen Einleitung, die dem Hörer den aktuellen Stand der Galaxis vermittelt. Wichtig ist dies vor allem, sollte man Justina Irelands Young-Adult-Roman Out of the Shadows nicht gelesen haben, der nur kurz vor dem Hörspiel spielt. Insgesamt lässt sich – wie es auch die Autoren selber sagen – weiterhin empfehlen, die Werke in der Veröffentlichungsreihenfolge zu lesen und Tempest Runner erst nach allen bisher erschienenen Romanen zu konsumieren.

Qualitativ lässt sich an Tempest Runner wenig bemängeln. Die Soundeffekte sind großartig, Stille kommt nur selten vor, und so fühlt es sich fast an, als würde man die Geschichte direkt miterleben. Auch der Cast leistet einen wunderbaren Job. Vor allem Lournas Akzent hat mir wirklich gut gefallen.
Genau hier liegt die größte Stärke und zugleich Schwäche des Hörspiels. Ich persönlich liebe es, wenn Charakteren eine Stimme verleiht wird. Nicht nur Lourna, sondern auch Personen wie Avar Kriss oder Sskeer zu hören, macht die Ära um einiges lebendiger und die Akzente und Soundeffekte führen zu einer intensiven, unfassbar immersiven Hörerfahrung, die über die (ebenfalls großartig produzierten) Hörbücher der Erwachsenenromane hinausgeht.

Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die Charaktere stellenweise besser unterscheidbar wären. Lournas Akzent und der ihrer Kameradin Tasia klingen ziemlich ähnlich, sodass ich die zwei in Diskussionen kaum auseinanderhalten konnte. Oft fiel es mir schwer, Namen von Charakteren zu verstehen und diese richtig zuzuordnen. Das wird im Laufe der Geschichte einfacher, erschwert aber den Einstieg. Pan Eyta zum Beispiel war für mich nur schwer verständlich, was zwar Teil seines Charakters ist, mich aber dazu gezwungen hat, seinen Dialog mehrmals hören zu müssen.
Wie oben erwähnt, arbeitet Cavan Scott viel mit Flashbacks. Diese funktionieren Story-mäßig super und wurden geschickt platziert. Stellenweise ist der Übergang in eine Erinnerung aber schwammig, sodass man einige Augenblicke braucht, um sich wieder in der Handlung zu orientieren.

Anders als in den bisherigen zwei Hörspielen ist auch, dass wir keinen inneren Monolog erleben. Sowohl in Dooku: Jedi Lost als auch in Doctor Aphra haben die Protagonisten aus der Ich-Perspektive erzählt. Tempest Runner verzichtet darauf und setzt gänzlich auf die Flashbacks. Beim Hören selbst ist mir das eigentlich gar nicht aufgefallen, rückblickend hätte ich es allerdings spannend gefunden, mehr von Lournas Gedanken zu erfahren. Durch ihr loses Mundwerk bekommen wir zwar einiges davon mit, doch gerade wenn sie mit ihrer Vergangenheit und ihrer emotionalen Kälte konfrontiert wird, hätte ich gerne erfahren, was in ihr vorgeht. Insgesamt bekommen wir dadurch weniger von Lournas Umgebung mit, was uns einige Beschreibungen spart und mehr Zeit für die eigentliche Handlung lässt. Es unterstreicht aber auch, dass wir noch immer nicht vollständig wissen, wie Lournas Gedankenwelt aussieht. Ein gewisser Teil von ihr bleibt für uns also weiterhin ein Mysterium, und ihre Unberechenbarkeit wird so auch erzählerisch umgesetzt.

Fazit – Warum ihr Tempest Runner nicht verpassen solltet

Mit Tempest Runner hat Autor Cavan Scott ein weiteres starkes Hörspiel verfasst und wieder einmal gezeigt, dass er ein Talent dafür hat, Charakteren Tiefe zu verleihen. Neben einer Menge Humor gibt es ordentlich Action, tolle Referenzen für Fans der Hohen Republik, emotionale Szenen und ein Wiedersehen mit einigen bekannten Charakteren. Obwohl es stellenweise nicht ganz einfach ist, den sprechenden Personen zu folgen, und ich mir teilweise etwas mehr Einblicke in Lournas Gedanken gewünscht hätte, hat der Cast einen fantastischen Job gemacht, um ihre jeweiligen Rollen zum Leben zu erwecken, und Cavan Scotts tolles Skript wunderbar umgesetzt.

Für wen lohnt sich das Werk nun also? Tempest Runner lohnt sich vor allem für alle, die sich fragen, was für eine Person hinter Lourna Dee steckt, und für alle, die sich für die Machtstrukturen der Nihil interessieren. Es ist keine Geschichte, die die Handlung aus der Hohen Republik an sich in neue Richtungen lenkt – dessen Charakterentwicklung es aber könnte. Was genau die Entwicklungen aus dem Hörspiel für die größere Galaxis bedeuten, wird sich so richtig wohl erst mit der Zukunft und den Werken der nächsten Phase zeigen. Das macht die Handlung aber nicht weniger relevant und unterhaltsam, weshalb ich Tempest Runner von Cavan Scott empfehlenswerte 4 von 5 Holocrons verleihe und mich sehr über weitere Hörspiele aus der Hohen Republik freuen würde!

Bewertung: 4 von 5 Holocrons
Bewertung: 4 von 5 Holocrons

Wir bedanken uns bei Penguin Random House für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Logo zu Star Wars: Die Hohe Republik

Star Wars: Die Hohe Republik ist ein mehrjähriges Buch- und Comicprogramm, das 200 Jahre vor den Filmen spielt und die Jedi in ihrer Blütezeit zeigt. Weitere Infos, News, Podcasts und Rezensionen gibt es in unserem Portal und in der Datenbank.

5 Kommentare

      1. Jetzt ging es. Gestern waren 2 Versionen gelistet, aber nicht kaufbar. Vielleicht hatte Audible Probleme. War sowohl bei der App als auch am PC.

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