Rezension: Wächter der Macht 2 – Blutlinien bleibt hochpolitisch und zeigt neue Facetten

Nach den Ereignissen aus Intrigen spitzt sich die Situation für die Galaktische Allianz weiter zu: Immer mehr Zeichen deuten auf Krieg. Während die Familien der Skywalkers und Solos sich auseinander entwickeln, geht Jacen Solo weitere Schritte den dunklen Pfad hinab…

Der zweite Band der Reihe Wächter der Macht aus der Feder von Karen Traviss setzt kurze Zeit nach dem ersten Band an. Der Roman erschien als Legacy of the Force 2: Bloodlines am 29. August 2006 und auf deutsch am 11. Februar 2009.

Direkt zu Beginn treffen wir hier auf einen alten Bekannten, den wir in der Epoche noch gar nicht gesehen haben: Boba Fett, nun in seinen Siebzigern und schwerkrank. Sein Körper zerfällt und die Kaminoaner können auch nicht mehr viel tun, so jagt er Gerüchten über noch überlebende Klone und Taun We hinterher. Doch noch mehr treibt den berüchtigtsten Kopfgeldjäger der Galaxis um – Boba Fett will seine Tochter Aylin Vel wiederfinden, die er vor fünfzig Jahren verlassen hat. Mehr oder weniger unterstützt wird er dabei von der jungen Kopfgeldjägerin Mirta Gev, die – so behauptet sie zumindest – weiß, wo sich einer der überlebenden Klone aufhält. So entwickelt sich parallel zu den Ereignissen der Corellia-Krise ein weiterer Handlungsstrang, der sich gegen Ende jedoch eng mit dem Hauptstrang verflechtet.

Währenddessen spitzt sich die politische Situation auf Coruscant und Corellia weiter zu. Mehrere Anschläge auf Coruscant verschärfen Ängste und Ressentiments, da natürlich Corellianer dafür verantwortlich gemacht werden. Han und Leia sind nach Corellia zurückgekehrt, doch Thrackan Sal-Solo hat ein Kopfgeld auf Han ausgesetzt, sodass beide zunächst inkognito eine neue Wohnung beziehen müssen. Das Verhältnis zwischen Han und Luke ist dabei ziemlich angespannt, insbesondere, als die Galaktische Allianz eine neue Schutztruppe ins Leben ruft – die Garde der Allianz – die auf Coruscant immer härter gegen Corellianer durchgreift, bis hin zu Vertreibungen. Auch wenn der Rat der Jedi hier eher dagegen ist, wird die Situation weiter angeheizt, denn die Garde wird von Jacen Solo geleitet, der sich immer tiefer den Studien der Dunklen Seite widmet. Ben Skywalker ist weiterhin sein Schüler und sitzt zwischen den Stühlen – auf der einen Seite will er weiter mit Jacen arbeiten, auf der anderen Seite sind ihm Jacens Mittel zu radikal.

Staatsstreich Teil 1: Definiere deinen Gegner

Die Garde ist ein Teil von politischen Umstrukturierungen innerhalb der Allianz, die von Jacen und Verbündeten vorangetrieben wird und damit der erste Punkt des schleichenden Staatsstreiches. So wird dadurch auch Großadmiral Pellaeon aus dem Amt des Oberkommandierenden gedrängt, um ihn durch die loyale und ehrgeizige Admiralin Niathal zu ersetzten.

Damit wird dieser Roman noch politischer als der erste Band. Wir haben auf der einen Seite mit der Garde der Allianz eine neue Fraktion, die sich zwar gesetzestreu gibt und für Recht und Ordnung stehen will, sich aber unter Jacen radikalisiert, was besonders in den späteren Bänden deutlich wird. Massenverhaftungen, Erschießungen bei Razzien – die größtenteils politisch motiviert sind – Folter, Anschläge von Corellianern und Bothanern (die teilweise stattfinden, oft aber auch aufgebauscht sind und als Vorwand dienen) treiben einen immer tieferen Keil zwischen die Bevölkerung von Coruscant/der Allianz-Welten und den Welten der zukünftigen Konföderation.

Jacen und Ben: Zwei Perspektiven

Jacen Solo ist sich seines Pfades voll und ganz bewusst und vertieft sich in seine Studien. Es ist sehr ungewohnt, die inneren Gedanken einer Person zu lesen, die versucht den Weg der Dunklen Seite ganz rational zu sehen, die so reflektiert vorgeht. Jacen ist der Überzeugung, dass er allein Frieden in der Galaxis bringen kann, und wenn er dafür ein Sith werden muss, ist das ein Opfer, das er mehr als bereit ist zu erbringen. Dabei geht es ihm – was er auch sich selber gestehen muss – nicht nur um die Galaxis, sondern insbesondere um seine junge Tochter Allana, die mit ihrer Mutter Tenel Ka auf Hapes weilt. Weder Allana noch die Allgemeinheit weiß über Jacens Vaterschaft Bescheid, und doch ist sie für ihn das Wichtigste vor allem anderen.

Angeleitet wird Jacen in seinen Studien von einer mysteriösen Frau Lumyia, die sich selber als Sith bezeichnet, die ihn in neuen Machttechniken unterweist und auch politisch mit Rat und Tat zur Seite steht. Jacen ist aber selber noch nicht völlig überzeugt, inwiefern er dieser Frau vertrauen kann und ob sie wirklich eine Sith ist. Und hiermit haben wir gemeinsam mit Aylin Vel die zweite Person, die ursprünglich aus Legends-Quellen entstammt, die nicht unbedingt zum Legends-Kanon zählten. Lumyia tauchte erstmal in der Marvel-Comicreihe auf als kurzzeitige Geliebte Lukes und spätere Gegnerin, während Aylin als Baby in einem Tales-Comic auftauchte, in dem es um Boba Fetts kurzes Familienleben ging. Generell wird es in dieser Buchreihe viele Anspielungen auf obskurere Legends-Werke, welche in den Legends-Kanon eingepflegt werden.

In alledem steckt Ben Skywalker, der natürlich bemerkt, dass sich Jacen verändert. Wir sehen hier die Welt aus der Sicht eines 13-Jährigen, der natürlich Feuer und Flamme ist, bei den Großen mitzumachen, und ein Jedi-Ritter werden will, jedoch – zurecht – ziemlich Schwierigkeiten mit der Brutalität der Arbeit der Garde hat und eben nicht wirklich versteht, was hier politisch gerade vor sich geht. So fragt er sich zurecht, was denn so anders sei an den auf Coruscant lebenden Corellianern, warum diese auf einmal zu Feinden stilisiert werden, wenn sie doch nur hier leben – eine düstere Parallele zur heutigen Zeit. Beispielsweise wird das Trinkwasser in Coruscant vergiftet, der Verdacht fällt direkt auf die Corellianer, was sofort Gewalt nach sich zieht. Wir sehen hier zwischen Ben und Jacen auch sehr gut zwei Perspektiven: Jacen, der alles kontrolliert und weiß, was getan werden muss (zumindest seiner Meinung nach), und Ben, der sich eher naiv fragt, was hier gerade passiert, und versucht zu verstehen. Doch als Jacen brutal eine Gefangene zu Tode foltert, beginnt Ben Angst vor Jacen zu haben und sich vor ihm zu entfremden. Interessanterweise sieht man an der Stelle auch, dass die Garde der Allianz noch nicht vollends radikalisiert ist, da hier nach dem Foltermord Entsetzen herrscht und Stimmen laut werden, den Tod zu melden.

Die alte Generation: Han, Luke, Boba

Han fühlt sich immer unwohler mit der Richtung, die die Allianz aktuell einschlägt, und gerät in Konfrontationen mit Luke. Han ist der Meinung, dass die Allianz immer totalitärer agiert, und wirft Luke vor, dass die Jedi sich immer weiter einspannen lassen. Doch Luke ist hier selber in der Zwickmühle: Auf der einen Seite fühlt er sich der Allianz oder zumindest dem Frieden verpflichtet, doch sieht er auch die Gefahren, die das alles mit sich bringt. Besonders fühlt er sich wegen Jacen unwohler und fürchtet seine wachsende Macht – eine interessante Parallele zu Episode VII mit Ben Solo, doch ist Luke hier eben noch nicht bereit, einzuschreiten. Während es auf der einen Seite ein Katz-und-Maus-Spiel gibt zwischen Jacen und Luke, gibt es auf der anderen Seite auch eine Jagd Boba Fetts auf Han Solo, wobei sich hier auch ganz ungeahnte Wege finden, die zu interessanten Bündnissen auf Corellia führen. Es war hier sehr spannend, Hans Charakter zu verfolgen, wie er auf einmal mit alten Feinden zusammenarbeiten muss und tiefer in die corellianische Politik hereingezogen wird.

Generell fällt auch sehr auf, dass diese Romane nach Vollendung der Hexalogie geschrieben wurden, denn wir erleben eine Galaxie „aus einem Guss“ – zu Ende sind die Zeiten, wo man nur dubiose Anspielungen auf die Klonkriege oder die Zeit davor hatte. Auf einmal weiß jeder wieder Bescheid, was eigentlich in der Zeit davor geschehen ist, was sich im Vergleich zu älteren Legends-Werken anfangs etwas ungewohnt liest, weil man sich fragt, wann haben sie das alles auf einmal herausgefunden? Aber an sich gefiel mir das sehr gut, weil sich alles dadurch deutlich kohärenter anfühlt – eine Sache, die ich beim aktuellen Kanon auch mag. Post-Endor-Werke wissen über die Geschichte der Galaxis mal Bescheid, nicht alles ist im Nebel. Ein gutes Beispiel ist hier, dass Jacen in der Macht zurückreist und die Operation Knightfall beobachten kann. Das Thema dieser Reisen wird in späteren Bänden noch relevanter, darum werde ich erst dann darauf eingehen. Aber es sei hier schonmal gesagt, dass ich den Ansatz sehr kreativ finde und er sich gut in den Star Wars-Mythos eingliedert.

Man könnte noch so viel mehr über dieses Roman hier schreiben, darum mache ich es nun kürzer: Auch hier kann ich eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen. Die politischen Umwälzungen sind spannend – und auch erschreckend – zu verfolgen, ebenso wie sich Ben und Jacen dabei charakterlich entwickeln. Und mit Boba Fett erleben wir – noch Jahre vor The Clone Wars und Das Buch des Boba Fett – einen eher persönlichen, wenn auch distanzierten Boba Fett.

Bewertung: 5 von 5 Holocrons
Bewertung: 5 von 5 Holocrons

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