Kaum eine Star Wars-Figur hat so viele Geschichten über sich erzählt bekommen wie „The Sith Lord Formerly Known As Anakin Skywalker“, und das ist auch kaum verwunderlich, ist er doch gewissermaßen der Protagonist von George Lucas‘ Skywalker-Saga. Gerade in den Comics der letzten 20 Jahre hat Darth Vader allerdings geradezu unverhältnismäßig viel Raum eingenommen, sowohl vor als auch nach dem Lizenzwechsel zu Marvel. Dass nicht alles davon gut sein konnte, versteht sich von selbst, und gerade der faulige Nachgeschmack von Greg Paks Versuch einer spannenden Vader-Comicreihe zwischen Das Imperium schlägt zurück und Die Rückkehr der Jedi-Ritter dürfte so manchem Leser noch übel im Mund liegen. Immerhin: Im Romansektor gab es mit Dunkler Lord – Der Aufstieg des Darth Vader und Die Sith-Lords auch positive oder zumindest solide Beispiele, wie man eine Vader-Geschichte erzählen kann. Heute, am 11. November, veröffentlicht Random House Worlds nun mit Master of Evil von Adam Christopher einen weiteren Vader-Roman – aber in welche Schublade wird dieser fallen?
Diese Rezension ist spoilerfrei. Wer allerdings lieber gar nichts über einen Roman wissen möchte, bevor er ihn liest, sollte aber besser erst nach der Lektüre hierher zurückkehren.

In Master of Evil erleben wir den Dunklen Lord der Sith im ersten Jahr nach Order 66. Die Handlung beginnt kurz nachdem Vader den Jedi-Meister Kirak Infil’a getötet (siehe Band 1 von Charles Soules Darth Vader-Reihe) und dessen Lichtschwertkristall geblutet hat. Vader verlangt von seinem dunklen Meister Darth Sidious, ihn endlich in die großen Mysterien von Leben und Tod einzuweihen, die Darth Plagueis entdeckt haben soll, damit er Padmé von den Toten zurückholen kann – doch der Imperator hat nichts dergleichen vor. Stattdessen begibt sich Vader auf die Suche nach einer mysteriösen Vergenz der Macht, die in den Klonkriegen einst von Count Dooku aufgespürt wurde…
Die eigentliche Hauptfigur des Romans – und zu diesem Kunstkniff kann ich Adam Christopher nur beglückwünschen – ist Colonel Halland Goth, ein imperialer Ehrengardist mit einem tragischen Geheimnis: Er leidet an einer seltenen Krankheit, die ihn in wenigen Wochen umbringen wird, wenn er keine wundersame Heilung erfährt. Umso faszinierter ist er von Darth Vader, der offenkundig Wunden überlebt hat, die geringere Männer dreimal getötet hätten. Könnte in Vaders Fortleben das Geheimnis liegen, das Goths Leben retten könnte? Die Dynamik zwischen Goth und Vader kann – ähnlich wie bei Pellaeon und Thrawn, Eli Vanto und Thrawn, jedem anderen Sidekick und Thrawn, aber gewissermaßen auch Aphra und Vader – gut und gerne mit John Watson und Sherlock Holmes verglichen werden. Der eher geerdete Everyman-Charakter von Halland Goth sorgt dafür, dass die übernatürliche Präsenz Vaders nicht durch zu viele aus seiner Sicht erzählten Kapitel entzaubert wird. Dadurch wird der dunkle Lord an mancher Stelle auch so gruselig wie lange nicht mehr – und der geneigte Leser, der Anakins Geschichte kennt, kann sich seine Motive dennoch denken.
Wer jetzt denkt, dass dieses Buch eine andere, neue Figur vorschiebt und Vader dadurch in den Hintergrund treten lässt, hat allerdings nur teilweise Recht. Ja, wir folgen vorwiegend Halland Goth (und ab dem zweiten Akt auch einer kleinen Handvoll weiterer Charaktere, u.a. Angestellte von Cybot Galactica, namhafte Klonsoldaten aus den Prequels und der rachsüchtigen Familie eines Macht-Schamanen), aber es gibt durchaus immer wieder auch Kapitel aus Vaders Sicht. Diese bieten zwar kleinere Einblicke, können aber nicht die emotionale Tiefe und Charakterentwicklung bieten, die ein spannender Roman braucht, weil Vader zu diesem Punkt in der Timeline ein definierter Charakter ist, dessen Biographie keine schockierenden Wendungen zulässt, ohne kanonbrüchig zu werden. Dahingegen ist Goth eine Figur mit sehr viel Fallhöhe: ein überzeugter Imperialer, der gerne Palpatines tausendjähriges Reich sehen würde, aber Angst haben muss, überhaupt den nächsten Monat zu erleben, und zudem vom ISB und COMPNOR unter der Hand beauftragt wird, Vader auszuspionieren. Obendrein teilt er sein Leben mit einem emanzipierten Protokolldroiden namens TC-99, der womöglich meine Lieblingsfigur in diesem Roman ist – doch das Imperium verbietet es, Droiden ihren freien Willen zu gewähren. Goth befindet sich im Zwiespalt zwischen Selbsterhalt und Imperiumstreue – und hat, anders als der in Die Rache der Sith bereits emotional zugrunde gerichtete Anakin/Vader, alles zu verlieren.


Adam Christopher hat für Master of Evil eine sehr diverse Figurenriege geschaffen, die – ähnlich wie ein Videospiel-Cast – nahezu alle „Klassen“ von Star Wars in der Ära des Imperiums ausnutzt, bis auf Schmuggler bzw. Kopfgeldjäger. Wir folgen imperialen Offizieren, verschiedenen Droiden, Machtnutzern der hellen und dunklen Seite, Klonsoldaten und industriellen Kriegsgewinnlern. Auch für den Plot selbst bedient der Autor sich freimütig an der gesamten Star Wars-Spielzeugkiste: Raumschiff-Action, Intrigen und Spionage, aber auch Machtkulte und Vergenzen, wie wir sie u.a. aus The Clone Wars, The Acolyte und Die letzten Jedi kennen. Die zentralen Planeten Coruscant, Diso und Etti IV sowie ein mysteriöser Ort im Hyperraum bieten dabei auch Schauplätze, die Christophers visuellem Erzählstil gut zuträglich sind. All dies schafft ein beklemmendes, aber auch filmreifes Leseerlebnis – perfekt für einen Vader-Roman.
Verschwendetes Potenzial gibt es kaum, aber an einer Stelle möchte ich doch kurz meckern. Vader sucht hier offensichtlich nach der Macht über Leben und Tod, und es ist spannend, ihm dabei zu folgen und auch Halland Goths dazu passendes Dilemma mitzuerleben. Dass manche Handlungsstränge doch eher vorhersehbar laufen, ist auch kein großes Problem, da der Weg dahin trotzdem spannend ist. Allerdings hätte ich mir von der Auflösung etwas mehr gewünscht, und vielleicht hätte eine Art Brücke hin zum VR-Abenteuer Vader Immortal geholfen, denn darin versucht Vader ja auch, Padmé aus dem Jenseits zurückzuholen. Trotz eines etwas konfuseren zweiten Aktes schafft Christopher es, seine Figuren zielsicher ins Finale zu führen und auf Charakterebene zufriedenstellende, thematisch passende Auflösungen zu finden – nur eben bei Vaders Suche an sich wäre meines Erachtens noch etwas mehr möglich gewesen.


Insgesamt kann man sagen, dass Master of Evil ein denkwürdiger Roman ist, der – um ein paar Serienvergleiche zu bemühen – die charakterliche Komplexität von Andor mit der Machtmystik und beklemmenden Spannung des The Acolyte-Finales verknüpft und spannende Fragen für Darth Vader und die Macht aufwirft, die gerne auch in kommenden Geschichten aufgegriffen werden können. Tatsächlich würde ich mir sogar ein bestimmtes Sequel von Adam Christopher wünschen, aber was das wäre, würde in die Kategorie „Spoiler“ fallen. In den letzten Jahren habe ich ja keine Holocron-Bewertungen mehr vergeben, aber da ich selten einen Roman gelesen habe, auf den die Bewertung so gut passt, vergebe ich heute ausnahmsweise 4 von 5 Holocrons für einen lesenswerten Vader-Roman, der beweist, dass man auch 2025 noch gute, neue Erzählungen mit dem Dunklen Lord der Sith schreiben kann, und somit nach The Bad Batch: Sanctuary eine weitere gelungene Überraschung aus dem Hause RHW darstellt.
P.S.: Eine deutsche Ausgabe des Romans wurde noch nicht angekündigt, ist aber wahrscheinlich im Winterprogramm 2026/27 bei Blanvalet zu erwarten.












Bin sehr gespannt darauf. Habe mir die Goldsboro Edition bestellt.
Fand das Buch sehr gut und kurzweilig. Anfangs war ich etwas enttäuscht, dass Vader eine kleinere Rolle spielt, als ich dachte und der Fokus vor allem auf Goth liegt aber das tut dem Buch auch gut.
Auch das erste Star Wars Buch des Autoes hat mir schon gut gefallen. Ich hoffe, er kann noch ein paar hinzufügen.