
Nachdem die Disney+-Serie The Acolyte nach nur einer Staffel keine Fortsetzung erhalten wird, dürften sich viele Fans der Serie von Leslye Headland jedoch freuen, dass es mit Die Suchende (im Januar bei Blanvalet) und Die Kristallkrone gleich zwei Tie-in-Romane zu jener polarisierenden The High Republic-Serie gibt. Letzteren, den YA-Roman von Tessa Gratton, der im September in deutscher Sprache bei Panini erschien, werden wir heute einmal genauer unter die Lupe nehmen.
In The Acolyte: Die Kristallkrone reisen Jecki und Yord mit ihren Meistern zur Unterstützung der dort gerade stattfindenden Verhandlungen über den Senatsbeitritt nach Siline. Zeitgleich findet auf dem Planeten jedoch auch die sogenannte Kronsynode statt. Ein Kampf- und Überlebenswettbewerb, der traditionell immer bei einem wichtigen Naturereignis veranstaltet wird und in den die beiden jungen Padawane Jecki und Yord hineingezogen werden bzw. die Ehre erhalten, daran teilnehmen zu dürfen. Auf die gewinnende Person wartet eine glanzvolle Zukunft und eine Kristallkrone, doch der Ausgang des Rituals könnte auch die laufenden diplomatischen Bemühungen gefährden…. Warum für mich bei der Lektüre jedoch insgesamt zu wenig Spannung aufkam und wieso das Vorgehen einer der wichtigen Charaktere schwer nachvollziehbar wirkt, lest ihr in der Rezension.
Diese Rezension enthält einige Spoiler zur Handlung des Romans.
Die Ideologie von Siline
Eine Frage, die mich nach den ersten 50 Seiten des Romans beschäftigte, an der aber Tessa Gratton kein wirkliches Interesse hat, lautet: Kann ein Planet wie Siline mit solch schwierigen, ja sogar unmoralischen Wert- und Normvorstellungen der Republik überhaupt beitreten? Und welche Wertvorstellungen hat die Republik eigentlich, die dann von den Jedi verteidigt werden? Zwei Fragen, die man sicher im Verlaufe des Romans hätte thematisieren können, auch wenn dafür ein Erwachsenenroman vielleicht besser geeignet sein könnte. Dennoch sind die Beitrittsverhandlungen von Siline zunächst der Grund für die Anwesenheit der Jedi, nehmen jedoch schnell keinen erwähnenswerten Raum mehr ein, auch wenn Gratton ansonsten viel Wert in Sachen Worldbuilding zum Planeten legt.
Stattdessen sind die Jedi erst einmal merkwürdig stark fasziniert von den Bräuchen und Ritualen der Silinesen. So ganz werden besonders die jungen Padawane mit dieser ganzen „Das Recht des Stärkeren“-Sache aber nicht warm. Doch schwupps, schon hängt man in der Kronsynode, einem (nicht mehr ganz so blutrünstigen) Wettbewerb um den stärksten Kämpfer des Planeten. Denn schließlich will man nicht die ohnehin schon heiklen Verhandlungen sabotieren. Unbedingt weiß der Roman mir immer wieder zu sagen, dass dieses Ritual, welches laut den Promotexten an die Hungerspiele in Die Tribute von Panem erinnern soll, doch früher noch viel brutaler war, schließlich kämpfte man dort noch bis zum Tod. Heute gilt es nur noch, das Gegenüber zum Bluten zu bringen, an der problematischen Ideologie dahinter hat sich scheinbar nicht so viel geändert, auch wenn es auf dem Planeten mittlerweile verschiedene politische Strömungen gibt.
Besonders die Traditionalisten haben nur wenig Interesse an einem Beitritt Silines zur Republik und würden am liebsten nach dem Motto „Nicht-kristallknochige Lebewesen raus!“ agieren. Zudem gibt es auch die Möglichkeit, einen Zweikampf bis zum Tode auszutragen, anstatt einen gerichtlichen Prozess über sich ergehen zu lassen, wie uns am Ende des Romans erzählt wird. Man bekommt beim Lesen deutlich den Eindruck, dass die Politik von Siline stark durch den Sozialdarwinismus geprägt ist. Viel Potenzial für einen Polit-Thriller-Roman, aber hier wird eben ein Young-Adult-Roman daraus gemacht, dessen Geschichte uninteressanter nicht sein könnte.
Die Suche nach Nahrung und Spannung
Einmal auf Siline angekommen, zieht der Roman glücklicherweise deutlich das Tempo an, sodass man die viel zu langatmige Trainingssession aus den ersten Kapiteln schnell vergessen hat. Yord und Jecki sind nun Teil der Kronsynode und haben sich mit Silinesen in ihrem Alter angefreundet, die am Wettbewerb teilnehmen. Dessen erste Phase, das Duell in der Arena, startet mit einem Kampf, in dem die Jedi überlegen sind. Hier kommt jedoch keiner zu Tode oder wirklich zu Schaden. Jegliche Spannung bleibt aus, denn für keinen der Teilnehmenden steht hier irgendetwas Großes auf dem Spiel.
Schon bald haben sich alle für den nächsten Teil qualifiziert, der insbesondere die Gen Z vielleicht ein wenig an das Format „7 vs. Wild“ erinnern dürfte. In etwa so gehaltvoll kann man sich diesen Teil des Romans vorstellen. Privilegierte Kids laufen durch die Wildnis, lernen etwas die Umgebung kennen, die hier nicht wirklich tödliche Gefahren bereithält, und spätestens hier dürften Fans von Die Tribute von Panem wütend den Roman zuschlagen. Dabei wurden zu diesem Zeitpunkt bereits einige Charakterdynamiken etabliert, aus denen Gratton jedoch nicht viel herausholt. Ja, auch die privilegierteren Heranwachsenden haben mit Emotionen und der Liebe zu kämpfen. Dennoch wartete ich hier Seite um Seite auf etwas, das mich mit den Charakteren mitfiebern lässt, aber da auch die beiden Jedi-Padawane keine großartige Entwicklung durchlaufen dürfen, macht sich hier viel Belanglosigkeit breit. Passend dazu wird dann eine kurze Veganismus-Debatte ausgetragen, und ich frage mich, ob denn schon wieder Weihnachten ist, wo man sich für das bloße Erwähnen, dass man nur pflanzliche Lebensmittel isst, schon die schärfsten Blicke und abgedrehtesten Fragen einfängt.
Eine große Stärke?
Im letzten Drittel des Romans hält Tessa Gratton für uns ein paar Plot-Twists bereit. So erfahren wir, dass Graf-Spross Lio vorhat, an das wertvolle Innere des Planeten zu kommen, und dafür schwer bezwingbare Bestien in die Kronsynode einschleust, um diese zu manipulieren. Auch wird enthüllt, dass dey die Person war, die dafür sorgte, dass Jecki ihre Machtfähigkeiten während der Kronsynode einsetzt. Jetzt kann ich mir zwar durchaus mögliche Beweggründe ableiten, doch kam all dies etwas zu sehr aus dem Nichts und wirkt so, als wollte man plötzlich etwas Spannung mit dem Holzhammer in die Geschichte reinprügeln. Auch im Großteil des Romans, in dem Lio neben Yord und Jecki noch mit am meisten Raum bekommt, lässt sich verhältnismäßig wenig Motiv finden, sicher wollte man hier auch nicht den Überraschungseffekt, der ohnehin kaum vorhanden war, abschwächen. Schlussendlich wirkt einfach nichts mehr organisch und sogar der Ausgang der Kronsynode wird unspektakulär abgearbeitet. Ansonsten hat Gratton mit Lio Graf, einer nicht-binären Figur, für die man sich auch für die Nutzung des Neopronomens „dey“ in dieser deutschen Übersetzung entschied, einen interessanten Charakter entwickelt, welcher mich teilweise mehr abholte als die beiden Jedi auf dem Cover. Umso ärgerlicher sind dann die Entscheidungen zum Ende des Romans, bei denen ich nur noch kopfschüttelnd vor dem Roman saß und versuchte, die Fäden für mich schlüssig zusammenzuführen.
Dabei liegt die meiner Meinung nach größte Stärke der Autorin und auch dieses YA-Romans eben genau in jenem Format, welches junge, diverse Charaktere in den Herausforderungen des Erwachsenwerdens begleitet. Auch wenn Jecki und Yord hier keine allzu großen Entwicklungen durchmachen, so gelingt es Gratton doch in einigen Momenten eindrücklich, die inneren Ängste, Sorgen und Unsicherheiten der jungen Padawane und auch der anderen Teilnehmer:innen der Kronsynode sichtbar zu machen. So gibt es ein kurzes Kapitel, welches Lios Beziehung zu deren Familie thematisiert. Zudem lernen die beiden Padawane nach und nach, einander zu vertrauen und sich einzuschätzen, sodass Die Kristallkrone den beiden Serien-Charakteren zumindest etwas mehr Tiefe gibt. Doch hier sollten Leser:innen lieber nicht mit zu hohen Erwartungen herangehen, denn insgesamt gehen leider die wenigen gelungenen Momente in der wirren und vor allem belanglosen Geschichte unter.

Fazit
Die Kristallkrone verpasst es, das zu Beginn durchaus vorhandene Potenzial für einen interessanten Tie-In-Roman zu nutzen, wodurch zu einem großen Teil die Spannung fehlt, die diese mit „The Hunger Games meets Star Wars“ beworbene Kronsynode einfach nicht bieten kann. Wenig Charakterentwicklungen bei den Seriencharakteren und schwer nachvollziehbare Motive der sonst noch vielversprechendsten Figur lassen die knapp 380 Seiten dieses Romans belanglos wirken. Ein kleiner Hoffnungsschimmer sind wenige zwischenmenschliche Momente sowie die inneren Konflikte der jungen Figuren, die aber insgesamt eine untergeordnete Rolle spielen. Die Tribute von Panem-Fans dürften mit diesem Roman nicht glücklich werden, während sich Fans der The Acolyte-Serie zumindest auf das Wiedersehen bekannter Charaktere freuen dürfen, aber keineswegs viel Neues über diese erwarten sollten. Für mich reicht das definitiv nicht, sodass ich leider keine Leseempfehlung aussprechen kann.
Wir bedanken uns bei Panini für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!










