„[D]u bist derjenige, der im Zentrum von alledem hier steht. Du bist derjenige, der letztendlich bestimmt, wo es langgeht.“
Mara Jade zu Luke Skywalker

Am 23. Juli erschien bei Blanvalet die Legends-Neuauflage Die Hand von Thrawn: Blick in die Zukunft. Der zweite Band der nach vielen Jahren wiederveröffentlichten Reihe von Timothy Zahn entspricht lediglich der ersten Hälfte des im Deutschen geteilten Romans Vision of the Future aus dem Jahr 1998. Wie bereits bei Schatten der Vergangenheit – die Rezension findet ihr hier – hat Alexander Groß die alte Übersetzung von Ralf Schmitz, die erstmals 2000 bei Heyne erschien, für die moderne Version lektoriert. Hier geht es zur Verlagsseite.
Das neue und Blanvalet-exklusive Cover zeigt einen TIE-X1-Turbosternenjäger, wie ihn etwa Darth Vader geflogen hat. Dieses Raumschiffmodell kommt in den 512 Seiten und 23 Kapiteln der Geschichte aber nicht ein einziges Mal vor und wird auch nicht erwähnt. Stattdessen führt Zahn seine eröffneten, zahlreichen Handlungsstränge weiter, von imperialen Intrigen in der Caamas-Krise bis zum starken Knistern zwischen Luke Skywalker und Mara Jade, alles stets im Schatten des Geheimnisses um die mysteriöse Hand des Thrawn. Zu allem Überfluss ist der Großadmiral selbst in den Augen unserer Held*innen scheinbar wirklich zurückgekehrt und treibt die brüchige Neue Republik nach den Entwicklungen aus Band eins immer näher an den Rand des Zusammenbruchs.
Wer steckt hinter der Rückkehr von Großadmiral Thrawn? Der zweite Band der spektakulären Trilogie.
Die Neue Republik steht am Abgrund. Vorangetrieben durch den perfiden Plan der Imperialen droht ein Bürgerkrieg. Und auch das Gerücht, dass Großadmiral Thrawn noch immer lebt, schürt Furcht in den Herzen der einstigen Rebellen um Prinzessin Leia, Luke Skywalker und Han Solo. Denn in ihrem derzeitigen Zustand hätte die Neue Republik dem militärischen Genie nichts entgegenzusetzen. Die Helden der Rebellion müssen tief in den imperialen Raum vordringen und dabei vor allem die Antwort auf eine Frage finden: Wer oder was ist die Hand von Thrawn?
Klappentext
Fokus ziehen
Schatten der Vergangenheit brachte zahlreiche Charaktere und Handlungsstränge in Position, die schließlich unzählig und teilweise auch unübersichtlich wurden. Blick in die Zukunft setzt dies zwar zunächst nahtlos fort und bleibt dem Erzählstil der Trilogie treu, tritt dann aber überraschend schnell auf die Bremse. Die Fortsetzung ist wesentlich entschleunigter und lässt sich Zeit, ausführlich auf die Charakterdynamiken und Figurenentwicklungen einzugehen. Der Fokus ist viel klarer gesetzt. Auch wenn in den einzelnen Bögen für sich genommen nicht viel passiert, hat man in der Gesamtheit den Eindruck einer epischen Geschichte, die aus mehreren kleineren Teilen besteht.
Ein Kernstück macht Luke Skywalker aus, der auf Nirauan zunächst erneute Bekanntschaft mit den mysteriösen TIE-Jägern vom Cover des ersten Bands macht, bevor er recht schnell die verschwundene Mara Jade findet. Es folgt eine vorsichtig aufblühende Romanze, mit der Zahn die seit Erben des Imperiums gepflegte Tradition von tagelangen Wanderungen dieser beiden Figuren voller Gespräche und Spannungen fortsetzt. Diesmal sind sie aber nicht ganz allein, denn abgesehen vom treuen R2-D2 werden die beiden Machtnutzer von den Einheimischen begleitet. Die Darstellung ihrer Völker entspricht ebenfalls dem Zahn’schen Regelbuch des Worldbuildings und erinnert in Kultur und der Bedeutung ihres Stolzes an die ebenfalls aus seiner Feder etablierten Noghri.
Wie sich die Gefühle füreinander und das leichte Knistern zwischen den ehemaligen Feinden subtil entwickeln, ist spannend zu lesen, vor allem in Anbetracht der Gefahr bisheriger Love-Stories mit Luke, die zu oft out-of-character gerieten. Stattdessen schleicht sich die beginnende Liebe mit kleinen Andeutungen, ungefilterten Gespräche auf Augenhöhe und immer wieder durch die Umstände möglich gemachten Körperkontakt an. Einzig Lukes völlig unnötiger Dornröschenkuss kurz vor Schluss hinterlässt einen harten moralischen Beigeschmack und ist auch nicht mit dem Alter des Romans zu entschuldigen.
Im Herzen des Imperiums
Während nun also der Jedi-Meister und die ehemalige Hand des Imperators dem Geheimnis des Titels der Trilogie auf den Grund gehen – in der Übersetzung übrigens weiter mit Genitiv als Die Hand des Thrawn bezeichnet, wie auf der letzten E-Book-Veröffentlichung von 2014 – und sich dabei immer näher kommen, sind alle anderen Figuren weiter mit der Caamas-Frage und dem drohenden Bürgerkrieg innerhalb der Neuen Republik beschäftigt. Die Paarungen Han und Leia, Schmugglerkönig Talon Karrde und Mystril-Ex-Leibwächterin Shada sowie Wedge Antilles mit Commander Horn tragen den Rest des Romans. Sie bieten damit immer hervorragende Gegensätze an Charakterzügen für die von Zahn literarisch wunderbar ausgearbeiteten, inhaltlich aber nicht immer allzu kreative Situationen. Das Antagonisten-Trio Disra, Tierce und Flim rückt für die ersten drei Viertel beinahe komplett in den Hintergrund, darf im (Halb-)Finale des zweiten Romans sein brodelndes Potenzial aber endlich ausschöpfen.
Ebenso nutzt Medien-Verknüpfer Timothy Zahn alle ihm verliehenen Möglichkeiten, die ein Abschluss der Bantam-Spectra-Ära mit sich bringt. Er referenziert zahlreiche Werke und Personen mal mehr, mal weniger prominent in der Haupthandlung. Es unterstützt den Eindruck, dass die damalige EU-Literatur unter Bantam Spectra und Dark Horse Comics – heute Legends – einen großen einheitlichen Star Wars-Kanon bildet, der sich trotz zahlreicher Autor*innen gegenseitig respektiert und dessen Veröffentlichungen immer weiter aufeinander aufbauen. Werke wie Das dunkle Imperium, Die Jedi-Akademie oder die X-Wing-Romane und -Comics hinterlassen in diesem Fall deutliche Spuren bei den Charakteren und bleiben relevant. Auch wenn er sich im Fall der obskuren Geschichten oder der viel zu häufig verwendeten Idee einer weiteren geheimen Superwaffe ein paar gelungene Meta-Kommentare in den Dialogen seiner Figuren nicht verkneifen kann.
Woran auch immer es gelegen haben mag, fallen im Text der Neuausgabe im Vergleich zum ersten Band sehr viel weniger Layout- und Flüchtigkeitsfehler auf. Die Bothaner bleiben zwar die Bothans, erwähnt werden sie aber glücklicherweise durch den verschobenen Fokus weg von der galaktischen Politik und hin zu den einzelnen Abenteuern der Figuren viel weniger, als im Auftakt. Hin und wieder schleicht sich zwar wieder ein offensichtlich fehlender Absatz ein, das bremst den Lesefluss aber weit weniger aus, als die in der letzten Rezension kritisierten und nach 25 Jahren unverbesserten Stolpersteine.



Die erste Hälfte der zweiten Hälfte
Kann man unter den Voraussetzungen, dass man es für sich genommen nur mit der ersten Hälfte eines Fortsetzungsromans zu tun hat, überhaupt ein wertendes Fazit ziehen? Tatsächlich fällt die ausgesuchte Bruchstelle, wenn man nichts von dem Umstand weiß, beim Lesen kaum auf. Auf den letzten 100 Seiten pausieren bis auf jene, die sich an diesem Punkt der Geschichte miteinander kreuzen, alle anderen Handlungsstränge und das Geschehen nimmt im letzten Akt noch einmal richtig an Fahrt auf. Das höhepunktreiche Ende bildet dann tatsächlich ein kleines Zwischenfinale und bringt wichtige Entwicklungen für den Abschlussband in Position. Zwar darf man nicht mit der typischen Raumschlacht am Ende eines Zahn-Romans rechnen, die Setpieces, Action und Konflikte ziehen aber genug an, um darüber hinwegzutrösten.
Auch wenn Blick in die Zukunft ohne den dritten Band also noch etwas schwerer zu bewerten ist, lässt er sich davon losgelöst betrachtet durch eine eigenständige Spannungskurve und den perfekt platzierten „Halbzeitpfiff“ leicht als für sich stehenden Mittelteil einer Trilogie bewerten. Nach der manchmal etwas holprigen Exposition des Vorgängers konzentrieren sich Zahns gewaltig ausformulierte Handlungsstränge endlich auf die Figuren, was im Vergleich zu Band 1 ein viel angenehmeres Erzähl- und Lesetempo erzeugt. Einen kleinen Abzug gibt es dafür, dass sich ein bis zwei Stränge dennoch leicht überflüssig anfühlen. Der Roman wirkt damit trotz seiner breiten Verteilung zu überladen. Ebenfalls einen Abzug gibt es dafür, dass der einst naive Bauernjunge von Tatooine in einer Szene ganz klar eine indiskutable Grenze überschreitet. Insgesamt macht der Roman aber Spaß und man sollte nicht viel Zeit verlieren, sich direkt den Abschluss schnappen und Die Hand von Thrawn so zu Ende lesen, wie es im englischen Original angedacht ist.
Wir danken Blanvalet für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!
Der Abschlussband Der Zorn des Admirals ist in der Neuauflage bereits seit dem 17. September erhältlich.











