Marvel-Mittwoch: Boba Fett: Black, White & Red #2 und Doctor Aphra: Chaos Agent #5

Am heutigen Marvel-Mittwoch ist es Zeit für die moralisch grauen Charaktere im Zwielicht zwischen den Fraktionen der Galaxis – wobei in Boba Fetts Fall statt Grau die Farbtöne Schwarz, Weiß und Rot die einzigen sind, die man zu sehen bekommt. Während der Mandalorianer ein flüchtendes Kopfgeld jagt, scheint Doktor Aphra in das letzte Abenteuer ihrer scheinbar schon wieder schnell beendeten dritten Solo-Reihe aufzubrechen.

Achtung: Wie immer besprechen wir im Marvel-Mittwoch die Handlung der Comics, sodass sowohl der Beitrag als auch die Kommentare Spoiler enthalten können.

Mangels inhaltlichen Zusammenhangs gibt es keine zu beachtende Lesereihenfolge.

Boba Fett: Black, White & Red #2 – rezensiert von Lukas

Inhalt

Boba Fett hat mal wieder einen klassischen, alltäglichen Auftrag angenommen, diesmal auf einem Planeten namens Meddan. Sein flüchtendes Ziel Samu Mavolak hat den passenden Beinamen „the scurrier“ und läuft vor allem in seinem Leben davon, wie jetzt vor dem berüchtigsten Kopfgeldjäger seiner Zeit. Mit dem ein oder anderen Trick schafft Samu es sogar, ihn hereinzulegen und etwas Zeit zu gewinnen. Doch hat er es sich auf Meddan zu sehr mit allen verscherzt, die ihm auf der Flucht helfen könnten, und so nutzt er als letztes Mittel eine selbstgebastelte Bombe, die Fetts Sensoren stört, sodass er vorerst untertauchen kann.

Erst das Auftauchen von Samus Schwester wendet die Jagd wieder zu Bobas Gunsten. Mit dem Versprechen, dass Samu in eine Arbeitskolonie gesteckt und nicht hingerichtet wird, gibt sie dem Kopfgeldjäger den entscheidenden Hinweis, wann und wo er sein Ziel finden wird. Aber drei unangenehme Houks sind ebenfalls hinter ihm her, die es schaffen, seinen Sohn als Geisel zu nehmen. So kommt es zum großen Standoff zwischen Boba Fett und den drei Gangstern, den er unter Einsatz all seiner bekannten Gadgets für sich entscheiden kann. Es kommt zu einer versöhnlichen Abschiedsszene zwischen Samu und Sohn, in der sie Frieden miteinander finden und der „Scurrier“ akzeptiert, dass er nicht vor allem davonlaufen kann und sich nun dem stellen muss, was das Schicksal für Konsequenzen bereithält. Er wird an Bord der Firespray gebracht und sie brechen zur Strafkolonie Krodos 4 auf.

Autor Saladin Ahmed ist bei Star Wars bisher für einzelne Kurzgeschichten in Canto Bight und From a Certain Point of View: Return of the Jedi in Erscheinung getreten, durfte mit der vorliegenden Story Piper’s Pay nun also das erste Mal ein Comic-Heft in diesem Universum schreiben. Meistens werfen die Black, White & Red-Geschichten durch ihre Kürze mitten ins Geschehen und brechen genauso unvermittelt wieder ab, doch Ahmed gibt alles, um eine möglichst abgeschlossene Geschichte zu erzählen, die eine nachvollziehbare Entwicklung zeigt und trotz des Limits von 30 Seiten ausreichend Ort, Figuren und Beziehungen glaubhaft präsentiert. Etwas schade ist dabei lediglich, dass er an gleich zwei Stellen plötzlich Familienmitglieder ohne vorherige Erwähnung aus dem Hut zaubert, um auf schnelle Weise emotionale Fallhöhen zu erzeugen.

Dass Ahmed eine große Menge an Nebencharakteren aber in so wenigen Szenen scheinbar mühelos charakterisiert, verdient ein Lob. Mit mehreren Zeitsprüngen und einer klaren Struktur scheint das Heft selbst in mehrere Abschnitte unterteilt, die dem Lesefluss guttun und das Gefühl geben, man habe mehr Seiten gelesen, als es tatsächlich sind, ohne dass sich das Geschehen zieht. Etwas bequem macht er es sich aber damit, dass Titelcharakter Boba Fett gleich zwei Mal auf ähnliche Weise Hilfe von Einheimischen braucht, um weiterzukommen. Die Motivation für diese Figuren, warum sie ausgerechnet den bedrohlichen Kopfgeldjäger von außerhalb nun auf diese kritische Weise unterstützen, ist jeweils etwas haarsträubend begründet.

Zeichnungen

Ramon Rosanas als Zeichner ist allein schon von der Auswahl seiner bisherigen Star Wars-Comics prädestiniert für ein zwielichtiges Milieu voller Hintergrundgestalten, wie Meddan eines ist. Die bedrohliche Aura Boba Fetts wird durch wohlplatzierte Splashpages, die das über dem Geschehen kreisende Schiff-des-Namens-der-nicht-mehr-genannt-werden-darf oder mit dem Kopfgeldjäger selbst gut transportiert. Die typische Kolorierung verleiht Rosanas Stil außerdem eine ganz neue Möglichkeit, abseits seiner zumeist von Guru-eFX eingefärbten Zeichnungen neu entdeckt zu werden.

Vom netten Experiment abgesehen, das an nicht koloriertes Bonusmaterial für Fans erinnert, die sich für die Entstehungsschritte von Comics interessieren, wurden über diesen Stil im Marvel-Mittwoch schon viele Worte verloren. Letztens habe ich aber Alien: Schwarz, Weiss und Blut gelesen, aus dem Jahr 2024 und natürlich ebenfalls von Marvel. Darin wird doch tatsächlich zusätzlich zur üblichen Kolorierung die Farbe Grün verwendet, insbesondere für das Säureblut der Xenomorphen. In diesem Fall sind es zwar wichtige inhaltliche Informationen, die ohne die Farbe schwieriger zu vermitteln sind, weswegen man sich wahrscheinlich für diesen Schritt entschied; da Marvel so aber die eigenen Regeln des Labels bereits einmal verbogen hat, ist es nur noch merkwürdiger, dass Boba Fett in seiner Miniserie nicht ebenso grün sein darf und zu jeder Zeit nur unfertig aussieht.

Fazit

Saladin Ahmed nutzt die Chance seines ersten Star Wars-Comics, um eine abgeschlossene Geschichte zu erzählen, die erstaunlich viel abdeckt und größer erscheint, als sie eigentlich ist. Mit emotionalen Entwicklungen der Nebencharaktere und den subtilen Einbindungen der weicheren Eigenschaften des eigentlich ruchlosen Kopfgeldjägers Boba Fett steckt mehr Inhalt in diesem Heft, als im durchschnittlichen Beitrag zu Black, White & Red. Ramon Rosanas setzt die Kopfgeldjagd von Verfolgungen bis zum finalen Schlagabtausch zwar schön in Szene, der aufgezwungene Farb-Look ist aber in Anbetracht der unklaren Frage, wann Marvel bereit ist, sie um Farbpaletten zu ergänzen und wann nicht, immer fragwürdiger.


Doctor Aphra: Chaos Agent #5 – rezensiert von Flo

They both fit the description, both annoying, both have tattoos…

Handlanger in Doctor Aphra: Chaos Agent #5

Mit dem bereits fünften Heft der neuen Doctor Aphra-Reihe und dem Ausblick auf die nächsten drei Monate ohne ein sechstes Heft, steht uns mit der heutigen Ausgabe möglicherweise schon wieder das Finale von Chaos Agent bevor, wie auch das Wort „End.“ auf der letzten Seite vermuten lässt. Wieder einmal geht es für die chaotische Doktorin auf eine neue Mission, doch diesmal dürfte dies ein äußerst persönlicher Auftrag sein, denn wie sie am Ende des letzten Hefts erfuhr, hat niemand Geringeres als ihre Halbschwester die Deaktivierung ihrer geliebten Tattoos zu verantworten.

So bekommt sie nun von Leia Organa höchstpersönlich den Auftrag, ihre Schwester Dellen Aphra aufzuspüren, denn mittlerweile ist diese abgetaucht. Chelli Aphra, noch immer wenig begeistert darüber und noch immer in den Fängen der Neuen Republik, macht sich also mit einem speziell modifizierten Gonk-Droiden auf in die weite Galaxis, um Dellen zu finden. Doch an einem Ort mit vielversprechender Spur wird sie erst einmal von einer Truppe Handlangern überrascht, die ebenfalls, jedoch im Auftrag von verbliebenen Imperialen, nach ihrer Schwester suchen. Mithilfe ein paar unerwarteter Tricks ihres viereckigen Droidenbegleiters kann sie sich jedoch aus der misslichen Lage befreien und ihr Ziel in einem unterirdischen Bunker aufspüren. Doch Dellen davon zu überzeugen, gemeinsam mit ihr zur Neuen Republik zurückzukehren und ihre Tattoos zu reaktivieren, gestaltet sich schwierig, sodass es Aphra fast schon gelegen kommen dürfte, dass sie von den Handlangern erneut attackiert werden. Vielleicht eine Chance, nach solch langer Zeit wieder zueinanderzufinden…

Nach der nicht nur für Aphra schockierenden Enthüllung liefert uns Autorin Cherish Chen diesmal vor allem eins: Antworten. So hat auch Leia im Headquarter von D.A.A.G.R. zu Beginn des Hefts einen kurzen Auftritt und darf hier die Rolle des „Erklärers“ einnehmen. Das Vorgehen der Neuen Republik kann man hier vielleicht sogar kritisch betrachten, doch bleiben wir erst einmal bei Dellen Aphra, Chellis Halbschwester, wie Aphra stets gegenüber den Offiziellen der Neuen Republik zu betonen weiß. Denn was hier wirklich wieder wunderbar funktioniert, ist das Zusammenspiel der beiden Geschwister, sobald diese aufeinandertreffen. Zu Dellens Hintergrund erfahren wir aber ebenfalls kurz etwas, denn sie ist seit der Schlacht von Jakku auf der Flucht vor verbleibenden Imperialen, die sie zwangsrekrutieren wollen.

Im Vordergrund steht bald jedoch das (gezwungene) Zusammenarbeiten der beiden und wie sie dadurch – nach der ersten, nicht so erfreulichen Begegnung – wieder einen Zugang zueinander finden. Chen fängt die Dynamik zwischen den beiden Charakteren wunderbar mit einer Prise Humor ein und rundet die Geschichte mit meinem persönlichen heimlichen Star des Hefts, dem Gonk-Droiden Deegee-Aytseven, noch ab. Dieser darf sich nämlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Türen und Gegner reinrammen, die im Weg sind. Das ist schon etwas silly, aber genau deshalb mag ich diese Reihe. Obendrein schafft es Doctor Aphra: Chaos Agent dadurch, einen Alleinstellungswert neben all den anderen aktuellen Comicreihen zu schaffen.

Für das fünfte und vielleicht sogar letzte Heft von Chaos Agent heißt es nun noch einmal Zeichnerwechsel. Hier übernimmt nach Kieran McKeown aus dem letzten Heft jetzt Steven Cummings den Zeichenstift, an dessen Zeichnungen es ebenfalls wenig auszusetzen gibt. Jedoch muss ich auch hier wieder sagen, dass ich in einigen Panels die Gesichtszüge von Aphra etwas misslungen finde. Die Farbgestaltung von Michael Atiyeh kann insbesondere in Panels glänzen, in denen wir Elektrizität visualisiert sehen, und auch die kurze Rückblende hebt er deutlich durch die Wahl eines blasseren Blaus ab.

Fazit

Doctor Aphra: Chaos Agent #5 macht beim Lesen mal wieder ganz viel Freude, denn mit der tollen Figurendynamik zwischen den Aphra-Geschwistern schafft Chen zwar keine unerwartete oder überraschende Geschichte, stellt aber wieder Witz, Familiendrama und Charme in den Mittelpunkt der Geschichte und liefert so für mich genau das, was ich mir von einer Aphra-Comicreihe erwarte. Auch wenn die Zeichnungen mich nicht so sehr begeistern konnten, wie im vergangenen Heft, bleibt an dieser Stelle nur zu hoffen, dass die Autorin die gerade erst begonnene neue Reise von Dellen und Chelli noch einmal aufgreifen darf. Andernfalls kann man nur die Frustration und Enttäuschung gegenüber Marvel zum Ausdruck bringen, einer solch vielversprechenden Autorin nach nur fünf Heften die Reihe abzukanzeln.


Mit Boba Fett: Black, White & Red #3 geht es am 26. November weiter. In der nächsten Woche ist dann Legacy of Vader mit Reign of Kylo Ren, Part 10 wieder dran.

Wir bedanken uns bei Marvel für die Bereitstellung der digitalen Vorab-Exemplare, ohne die unser Marvel-Mittwoch nicht möglich wäre.

3 Kommentare

  1. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nächstes Jahr eine neue Aphra-Serie die Handlung wieder weiterführt.
    Zu Boba Fett muss ich sagen, dass die BWR Kunstform mich ein bisschen an RotJ von Marvel UK erinnert, wo die Marvel Star Wars (1977) nachgedruckt wurden. Und Teile davon waren dann auch in Schwarzweiß, aber rot gefärbt. Damals wohl keine Kunstform, sondern eher Geldsparen. Aber BWR passt nicht zu Boba Fett – vielleicht hätte man ja mal Darth Sidious als Hauptdarsteller (ich will hier das Wort Held vermeiden) in einer Comic-Serie bringen können., oder Darth Tyranus.

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