Ich bin schockiert, einfach nur schockiert. Es fällt mir auf mehrere Arten schwer, diese Rezension zu schreiben. Zum einen, da dies ohne zu spoilern für die vorherigen Bände schwierig wird, zum anderen, da sich hier auch Parallelen zur aktuellen Zeit aufspannen, noch deutlicher, als diesen Sommer, als ich diesen Band gelesen habe.
Doch fangen wir von vorne an: Band 6 der Wächter der Macht heißt Inferno und hat den Titel mehr als verdient. Während des Lesens denkt man sich oft, der Titel wäre eher metaphorisch gemeint, doch weit gefehlt. Der Roman stammt aus der Feder von Troy Denning und erschien in den USA am 28. August 2007 unter dem Titel Legacy of the Force 6: Inferno, während er hierzulande am 15. Dezember 2009 von Blanvalet veröffentlicht wurde.
Dieses Mal sei hier eine Spoilerwarnung für die vorherigen Bände ausgesprochen! Durch die sehr eingreifenden Ereignisse in Opfer ist es kaum möglich, Handlungsstränge und Charaktermotivationen in Inferno zu besprechen. Ich versuche, dies so offen wie möglich zu machen, aber es wird nicht möglich sein, alle Spoiler zu vermeiden. Es folgen Spoiler zu Wächter der Macht 5: Opfer!
Mara Jade, ehemalige Hand des Imperators, Jedi-Meisterin, Frau von Luke Skywalker, Mutter von Ben Skywalker, ist tot, kaltblütig ermordet auf einem fernen Asteroiden. Doch wer ist der Mörder? War es Jacen, wie Ben vermutet? Oder wohl doch die verstorbene Lumiya, wie Luke in seiner vor Trauer zerfressenen Rache annahm? Währenddessen hat nun ganz offiziell ein neuer Sith-Lord die galaktische Bühne betreten: Darth Caedus hat im Geheimen die Macht der Galaxis in seinen Händen, oder zumindest den Teil, den die Allianz kontrolliert. Jacen Solo ist nicht mehr. Und auch in diesem Roman tauchen wir wieder in die Tiefen des Geistes des ehemaligen Jacen Solos und Ben Skywalkers ein, sind auf der Suche nach Maras Mörder und verfolgen, wie Luke versucht, mit seiner Trauer und seinem nicht-jedimäßigen Racheanfall umzugehen. Dabei geht es natürlich auch wieder hochpolitisch zu, denn Caedus muss seine Macht noch festigen, sei es gegenüber den Politiker*innen und der Bevölkerung der Allianz oder sei es gegenüber den Jedi. Und obendrein tobt noch ein galaktischer Krieg. Eine gefährliche Mischung, die zu grauenhaften Verbrechen auf Befehl des Sith-Lords führen wird.
Staatsstreich Teil 4: Die Macht festigen – durch Terror
Darth Caedus mag nun Teil einer Art Doppelspitze der Allianz sein, doch genießt er abseits des Militärs noch nicht genügend Vertrauen. So nutzt er die Beerdigung seiner Tante schamlos aus, um sich offiziell bei den Jedi gutzustellen. Es ist fast schon grotesk, zu lesen, wie der Mörder sich zur Beerdigung gesellt, nur um dies politisch auszuschlachten. Dabei geht es jedoch nicht nur um Politik: Denn auch für Tenel Ka sind die Veränderungen in Caedus‘ Wesen nicht unentdeckt geblieben, doch traut sie ihm noch nicht solche Morde zu. Im Tausch gegen die Unterstützung der hapanischen Flotte in der sich nahenden Schlacht um Kuat, ist Tenel Kas Bedingung, dass sich Jacen und Luke wieder vertragen, besonders in dieser schweren Zeit für seinen Onkel. Seine Anwesenheit auf dieser Beerdigung soll so ein Friedensangebot sein, was bei den Jedi jedoch von den wenigsten positiv aufgenommen wird.
Leia und Han sind natürlich auch zur Trauerfeier geladen, doch entkommen sie am Rande der Beerdigung nur knapp der Verhaftung durch die Garde der Allianz – Caedus paramilitärischer Trupp. Caedus hat den Haftbefehl auf seine Eltern, obwohl ihre Unschuld bewiesen wurde, nicht aufgehoben. Im Gegenteil, diese Beerdigung soll eine Falle für seine Eltern sein. Den Jedi ist natürlich klar, was passiert ist, als Han und Leia fliehen müssen, und Leia kann dadurch auch nicht die Trauerrede halten. Ein Stich mehr ins Herz der Solo-Skywalker-Familie, besonders, dass die Solos nicht Abschied nehmen können. Stattdessen hält Saba Sebatyne eine sehr emotionale Rede.
Das öffentliche Bild Caedus‘ – zur Verdeutlichung seines Wandels wird er im Roman auch nur noch so bezeichnet – ändert sich nach und nach im Roman. Auch wenn er anfangs noch versucht, den Guten zu mimen, wechselt er mehr und mehr zu einer Doktrin der Angst, genauso wie sein Großvater und der Imperator. Doch einen mächtigen Gegenspieler hat er noch im Orden der Jedi, der sich zusehends von ihm abwendet.
Jacen hat Angst, ihm ist bewusst, dass Luke (noch) mächtiger ist als er, und er befürchtet die ganze Zeit, dass Luke dahinterkommt, wer der wahre Mörder seiner Frau ist. Doch wie kann man sich des Ordens gefügig machen? Die Ausbildungsstätte des Ordens befindet sich auf Ossus, wo sich größtenteils Jünglinge und nur wenige Ritter und Meister aufhalten, wie das Jedi-Ehepaar Kam und Tionne Solusar. Um den Orden unter Druck zu setzen, entsendet Caedus ein Bataillon der GGA nach Ossus, offiziell um die Jünglinge vor einem Angriff der Konföderation zu schützen. Doch den Jedi ist klar, dass es sich hier nun um Geiseln handelt. Jaina, Zekk und Jag befinden sich da bereits auf Ossus auf der Suche nach Alema Rar und ordnen sich nur ungern ihren neuen „Beschützern“ unter. Auch die Abgabe ihrer Lichtschwerter stößt auf Unverständnis.
Angeführt wird der Trupp von Serpa, einem Extremisten, bei dem sich, je mehr man von ihm liest, einem der Magen umdreht. Der Mann ist brutal und versucht seine Absichten nicht wirklich zu verdecken. Nach einiger Zeit – warum, wird aus Spoilergründen nicht verraten – kommt der Befehl Caedus‘, und es passieren einige der grausamsten Szenen, die ich gelesen habe. Die erwachsenen Jedi werden mit einem Gasangriff kampfunfähig gemacht, die Kinder zusammengetrieben. Vor ihren Augen wird Tionne Solusar von Serpa brutal verstümmelt, dann beginnt ein Blutbad, als die Kinder aufbegehren. Es ist so grausam zu lesen, wie hier ohne moralische Probleme der Schussbefehl gegeben wird, wie es Serpa nicht zu stören scheint. Besonders, wie schnell sich Menschen radikalisieren können, dass sich die Extremsten in solchen paramilitärischen Trupps zusammenfinden und bereit sind, Unschuldige zu ermorden. Sie benutzen sogar die Kinder als Schutzschilde, was an Bösartigkeit kaum zu übertreffen ist. Einen kurzen Augenblick dachte ich, dass dies viel zu überzeichnet ist, doch konnte ich dann schnell erkennen, dass so etwas in der Geschichte schon öfter passiert ist. Das war noch im Sommer, als ich den Roman las. Ich denke, ich muss nicht betonen, dass das jetzt auch eine mehr als aktuelle Komponente besitzt.
Die Suche nach dem Mörder
Ben war ganz nah, als Mara starb, doch hat er nicht gesehen, wie sie starb. Er kommt jedoch mehr und mehr zu der Überzeugung, dass Jacen der wahre Mörder ist. Doch wie kann er das beweisen? Wie kann er sich rächen? Ben versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sich Jacens Vertrauen zu erschleichen. Caedus misstraut ihm natürlich, nutzt jedoch die Möglichkeit, um die Spuren von ihm wegzulenken. Er präsentiert Ben Indizien, die darauf hindeuten, dass der gestürzte Staatschef Cal Omas hinter dem Tod von Mara steht, und schickt Ben, um Selbstjustiz zu führen.
Ben ist hin- und hergerissen: Die Indizien sehen sehr eindeutig aus, doch könnte Cal Omas wirklich zu so etwas fähig sein? Kann Ben wirklich jemanden unbewaffneten ermorden, obwohl das seinen Prinzipien widerspricht? Bens Worte zu Jacen fand ich dabei sehr einschneidend:
„Du bist es, der mich zum Killer gemacht hat.“
Ben Skywalker zu Jacen Solo, nachdem er den Auftrag Jacens zur Ermordung Cal Omas erhalten hat
Ben nimmt den Auftrag an, doch zweifelt immer mehr an den Indizien und beschließt, all das zu tun, um Jacen Vertrauen zu gewinnen. Doch es läuft nicht alles wie geplant. Sein Gespräch mit Cal Omas ist … erdrückend, aber man erkennt, warum Omas so lange Staatschef der Allianz war. Wir dürfen nicht vergessen: Ben ist gerade einmal 14 Jahre alt und muss sich in so einer Situation, am Rande der Dunklen Seite, zurechtfinden, inmitten eines Krieges und eines autoritären Regimes.
Kashyyyk – Warum?
Was hat Kashyyyk der Galaxis angetan, dass es immerzu Tragödien anzieht? Während der Schlacht um die Werften von Kuat sagen sich die Jedi von der Allianz los und beginnen ihren eigenen Widerstand. Han und Leia sind zur Heimatwelt ihres verstorbenen Freundes Chewbacca gereist, um die Wookiees davon zu überzeugen, sich nicht auf die Seite der Allianz zu schlagen, oder zumindest die Entscheidung so lange zu verzögern, bis die Schlacht um Kuat zu Ende ist. Dabei erleben wir interessante Einblicke in die politische Kultur der Wookiees: So gibt es den Redeknochen im Rat, und nur wer diesen hat, darf sprechen. Leia versucht, ein Rederecht zu erhalten, das muss sie sich jedoch erkämpfen, nach festen Regeln. Dabei prügelt sie sich auch mit einem Ewok, eine fast schon komische Szene in einem sehr düsteren Roman. Mehr sei an dieser Stelle aus Spoilergründen nicht gesagt, nur, dass man erkennt, dass Caedus noch nicht alle hinter sich vereinigt hat und das Finale spannend bis zum Ende ist.
Wir haben mit den Yuuzhan Vong viel Grausames gelesen, doch waren das oft – auf ihrer Seite – Angriffe gegen ihnen Unbekanntes. Doch zu lesen, wie Jacen Solo mit Wesen und Planeten umgeht, die ihm einst unglaublich wichtig waren, hat nochmal eine andere Tragweite, besonders auch das brutale Vorgehen der GGA gegen die Jedi. Ich habe bis jetzt selten Romane gelesen, die mich so schockiert und mitgenommen haben. Und doch passt es gut rein, um zu zeigen: Caedus ist verloren. Die Galaxis ist wieder am Abgrund, aber dieses Mal aus ganz anderen Gründen. Es ist schwer – bis auf Caedus und Serpa bzw. die Extremisten der GGA – in gut und böse zu denken, die Graustufen sind auch hier wunderbar ausgearbeitet. Es gibt schlimme Wesen sowohl auf Seiten der Allianz als auch auf Seiten der Konföderation. Doch abseits davon haben wir auch wieder spannende Einblicke in die Entwicklung Ben Skywalkers, Darth Caedus‘ und Luke Skywalkers, insbesondere, wie er mit seiner Trauer umgeht und seinem Fehler der Rache. Auch gab es eine kleine Anspielung auf die Legacy-Comics, die mich sehr gefreut hat und sehr schön eingebunden war. So bekommt auch dieser Roman fünf von fünf Holocrons von mir.