Marvel-Mittwoch: The Rise of Skywalker #4

Am heutigen Marvel-Mittwoch gibt es altbekanntes in neuer Form. Mit The Rise of Skywalker #4 steuert die Adaption des letzten Saga-Films auf die Zielgerade zu und will mit der Comicform von Reys und Kylo Rens letztem Lichtschwert-Duell, Leias dramatischem Ende und der Rückkehr Luke Skywalkers überzeugen. Macht die Miniserie trotz bekannter Vorlage immer noch Laune oder geht sie mit fortschreitender Laufzeit so unter, wie Kylo Rens Lichtschwert in den Fluten von Kef Bir?

Achtung: Wie immer besprechen wir im Marvel-Mittwoch die Handlung der Comics, sodass sowohl der Beitrag als auch die Kommentare Spoiler enthalten können – aber wer kann denn sechs Jahre nach Veröffentlichung des Films noch von Spoilern reden? 😉

Inhalt

Am Anfang des vierten Kapitels der schon in ihren ersten drei Ausgaben eher ungewöhnlichen Adaption steht eine neue Szene, die so nicht im Film zu sehen war. Darin spricht General Leia Organa am Vorabend der Gegenwartshandlung mit Maz Kanata über ihre Rolle bei der aktuellen Krise, die Vergangenheit und ihr Schicksal. Hier erfüllt sich der von Autorin Jody Houser aufgemachte schöne Bogen über diesen Handlungsstrang, der die ähnlich gearteten kurzen Szenen mit Leia in den Vorgängerheften ergänzt. Die Comic-Adaption nutzt die Gelegenheit und den Rahmen ihrer Möglichkeiten, um Carrie Fishers durch ihr tragisches Ableben begrenzte Rolle im Film mehr Raum zu geben und, seien es nun sinnvolle Erweiterungen oder nicht, ihr Vermächtnis zu ehren. Einzig dass ausgerechnet an dieser Stelle in der Adaption für den Flashback auf einen Tag vor der Handlung zurückgesprungen wird, wirkt etwas plump und könnte den Lesefluss, wenn man die Miniserie am Stück oder als Sammelband liest, ungelenk unterbrechen.

Etwas weniger Aufmerksamkeit erhält dadurch das allerletzte Lichtschwertduell der Star Wars-Saga, das zwar nicht viele Seiten umfasst, aber auf einer beeindruckenden Doppelseite – schon unten in der Vorschau zu sehen – im Stil der bisherigen Adaption schön inszeniert wird. Der gewählte Hauptfokus liegt hier eben auf Leia, deren Ruf durch die Macht an ihren Sohn im Gegensatz zur Filmversion als Dialogzeilen zu „hören“ ist. Houser formuliert hier den Inhalt des Rufs, den man sich vorher nur vorstellen konnte. Ob der große Moment im Kino stärker ist, wenn Adam Driver ihn mit starken Blicken ausspielt, oder ob die hier zugegebenermaßen etwas generischen und nicht überraschenden Zeilen ihn bereichern, mag man selbst entscheiden. Nach den Jahren Abstand zum Film empfinde ich es heute als neuen Blick auf die bekannte Szene und somit eine willkommene Abwechslung.

Abwechslung gibt es auch beim zweiten Moment, in dem Ben Solo familiären Besuch aus der Vergangenheit bekommt. Die Szene, als die Erinnerung seines Vaters Han erscheint, wird nämlich im Gegensatz zum Filmschnitt unterbrochen, um einen comicgerechteren Flow zu erzeugen, indem zwischen den anderen Szenen hin- und her gesprungen wird. Eine davon ist die Zerstörung von Kijimi, die innerhalb weniger Panels erfolgt und schnell abgearbeitet wird. Hier scheinen wieder die typischen Probleme durch, die Comic-Adaptionen der mit Handlung vollgestopften modernen Live-Action-Projekte haben. Trotzdem nutzt Houser die wenigen Freiheiten, die sie hat, um sich nicht 1:1 an die Filmreihenfolge, den Erzählfluss oder das enge Korsett der vorgegebenen Dialoge zu halten, sondern eine denkwürdige Bereicherung durch ihre eigene Interpretation zu bieten. So darf Marvels Comic zu The Rise of Skywalker auf die Zielgerade abbiegen, wie auf der letzten Seite Rey in Lukes altem X-Flügler nach Exegol.

Zeichnungen

Obwohl das Skript und die Regie im Kinofilm die Möglichkeiten nicht voll ausschöpften, gaben die Schauspieler*innen ihr Bestes, die sich zuspitzende Dramatik der Handlung in den jeweiligen Szenen zu transportieren. Zeichner Will Sliney schafft es nun, sie mit tollen Gesichtern und Gesichtsausdrücken auf neue Weise einzufangen und Housers Art, die Geschichte wiederzugeben, Leben einzuhauchen. Teilweise springt der beabsichtigte Funke, der bei Ren vs. Rey oder ruhigen Momenten wie Lando und Poe entstehen soll, hier mehr über, als auf der Kinoleinwand. Neben Gesichtern sind es aber vor allem die Raumschiffe, die bei Sliney in Verbindung mit den Farben von Guru-eFX einfach nur toll aussehen. Von der Tantive IV bis zu den Sternenzerstörern über Exegol sind wunderschöne, detaillierte Zeichnungen entstanden, die die Ära einfangen.

Das bewährte Stilmittel der parallelen Montagen wird hier vor allem im Duell und bei Leias Tod aufs Maximum gebracht und konsequent durchgezogen. Als Film hätte man dieses Stilmittel nicht so zur Verfügung gehabt, wie Sliney hier, um die Botschaft zu transportieren. The Rise of Skywalker verwandelt sich spätestens hier vollends in einen Comic, und nicht in auf Comicseiten abgepauste Filmscreenshot. Hut ab dafür an alle Beteiligten.

Fazit

Episode IX durch die Arbeit von Jody Houser und Will Sliney neu zu erleben, ist ein willkommenes Geschenk, welches man dem mittelmäßigen Film zum Trotz gern annimmt. Anstatt eine stumpfe Auftragsarbeit zu liefern, ist bislang jede Menge Herz in die Adaption geflossen. Auf kreative Weise und durch kleine Ergänzungen schöpft man alle Möglichkeiten aus, damit sie auch ohne den Film auf eigenen Beinen stehen kann. Vor allem der Respekt, der Carrie Fisher und ihrer ikonischen Leia Organa gezollt wird, ist beeindruckend und eine Würdigung, die ihren letzten Auftritt größer macht. Man darf gespannt sein, wie Houser das Finale auf Exegol präsentiert und ob sie auch hier die ein oder andere Szene, die hinter den Erwartungen zurückblieb, erweitern kann.


The Rise of Skywalker #5 erscheint schon in zwei Wochen, am 11. Juni. Am nächsten Mittwoch dürfen wir uns auf Jedi Knights #4 und das die letzte The High Republic-Miniserie abschließende Heft Fear of the Jedi #5 freuen.

Wir bedanken uns bei Marvel für die Bereitstellung der digitalen Vorab-Exemplare, ohne die unser Marvel-Mittwoch nicht möglich wäre.

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